Emotionale Events erleben
Camí de Cavalls: Grenzerfahrung beim Ultratrail auf Menorca

| Von Andrea Löw I Foto: Ian Corless
100 Kilometer über die Insel Menorca - Andrea Löw berichtet von dem Camí de Cavalls.

Menorca - eine Perle im Mittelmeer. Die zweitgrößte Insel der Balearen ist zugleich auch die am wenigsten besiedelte. Das bedeutet: Jede Menge freie Natur, die man auf einsamen Pfaden genießen kann. Seit 2010 ist es möglich, die Insel auf dem Fernwanderweg GR 223, dem Camí de Cavalls, vollständig zu umrunden. Andrea Löw hat sich an die erste Etappe - den 100 Kilometer langen Trail Menorca Costa Nord - gewagt. Hier berichtet sie, wie sie diese extreme Grenzerfahrung erlebt hat und warum es sich lohnt, auf Menorca zu laufen.

Die ersten Wege gab es hier bereits im 13. Jahrhundert, sie waren für Patrouillenreiter angelegt worden, die dadurch auch entlegene und versteckte Buchten kontrollieren konnten. Auf einer Karte von 1781 ist der Verlauf des Küstenwegs wiedergegeben. Seit 2010 also kann der ausgezeichnet beschilderte und markierte Weg vollständig genutzt werden; dies war zuvor nicht möglich, da er über viele Privatgrundstücke führte. Dieser Weg ist eine perfekte Möglichkeit, die Schönheit der Insel, die die UNESCO 1993 zu einem Biosphärenreservat erklärt hat, kennenzulernen.

Und er ist eine wunderbare Laufstrecke. Am vergangenen Wochenende fand dort die 4. Auflage des Camí de Cavalls statt. Drei verschiedene Ultratrail-Strecken und zwei kürzere Trecking-Strecken stehen an diesem grandiosen Laufwochenende auf der Baleareninsel zur Auswahl: Komplett umrunden die Ultratrailer im 185-Kilometer-Wettkampf die Insel und haben dabei noch 2863 Höhenmeter zu überwinden. Der Trail Menorca Costa Nord umfasst 100 Kilometer mit 1796 Höhenmetern, der Trail Menorca Costa Sud 85 Kilometer mit 1124 Höhenmetern. Die beiden Trecking-Strecken sind 32 und 55 Kilometer lang.

Das sind heftige Distanzen und das raue Gelände macht die Sache nicht einfacher – aber traumhaft schön. Ich trete hier zu meinem ersten 100-Kilometer-Lauf an. Ich starte am Freitagmorgen gemeinsam mit einer Freundin um 8 Uhr in Ciutadella nach Norden.

Camí de Cavalls Menorca 2015
Andrea Löw (links) und ihre Freundin haben sich einiges vorgenommen: 100 Kilometer geht's über die Balearen-Insel Menorca.
Und erreichen den kleinen Ort Es Castell, den südlichen Eingangspunkt zum Naturhafen von Máo. Nach 17 Stunden und 5 Minuten laufen wir ins Ziel ein. Müde, fertig, aber überglücklich und stolz. Mir kommen auf der Zielgeraden die Tränen, ein solcher Lauf bedeutet auch große Emotionen.

In Es Castell ist am nächsten Tag der Start für die 85 Kilometer der südlichen Strecke. Und die harten Läufer, die sich an die komplette Umrundung wagen, müssen jetzt noch 85 Kilometer weiter. Ich bin voller Bewunderung für die, die dazu jetzt noch die Kraft haben. Uns bringt ein Bus zurück nach Ciutadella, dort suchen wir ein Taxi und fahren ins nahegelegene Santandria, wo sich unsere Unterkunft befindet. Um 5 Uhr morgens, 24 Stunden nachdem ich aufgestanden bin um mich fertig zu machen für den Start, falle ich ins Bett.

Am nächsten Tag frühstücke ich mit Blick aufs Meer. Ich sehe die Markierungen, auch hier führt der Camí de Cavalls vorbei, es sind noch etwa vier Kilometer bis nach Ciutadella – dem Ziel der 185-Kilometer-Läufer. Und während ich hier, nach immerhin etwa fünf Stunden Schlaf, bei meinem ausgiebigen späten Frühstück sitze, kommen immer wieder Läufer vorbei. Abgekämpft sehen sie aus, haben über 27 Stunden und gute 180 Kilometer in den Beinen. Wahnsinn!

Der Sieger Javier Castillo hat für diese vollständige Umrundung der Insel 20 Stunden, 43 Minuten und 41 Sekunden benötigt, die schnellste Frau, Aydee Rayda, war nach 28:12:29 Stunden im Ziel. Über die 100 Kilometer heißen die Sieger Casey Morgan mit starken 8 Stunden, 57 Minuten und 18 Sekunden und bei den Frauen Sasha Roig mit einer Zielzeit von 12:43:18. Auf der 85-Kilometer-Strecke konnte Pau Garriga in 8:04:53 das Rennen für sich entscheiden, bei den Damen gewann Elisabeth Barnes in 9:02:30.

Vielseitig und ungeheuer abwechslungsreich

Der Camí de Cavalls ist eine traumhafte Laufstrecke, auch ohne einen organisierten Wettkampf werden Läufer hier auf den einzelnen Etappen ihr Glück finden. Der Weg ist vielseitig und ungeheuer abwechslungsreich, atemberaubende Ausblicke auf steile Küsten und traumhafte Buchten lassen Anstrengungen schnell in den Hintergrund treten. Da der Weg sehr gut markiert ist, kann man hier bedenkenlos auf eigene Faust loslaufen.

Wer sich jedoch an eine der langen Distanzen traut, die hier zu absolvieren sind, dem sei der Trail Menorca Camí de Cavalls unbedingt an Herz gelegt. Ein fantastisch und sympathisch organisiertes Rennen, die Helfer sind extrem freundlich, und auch die Stimmung unter den Läufern ist sehr kameradschaftlich – viele aufmunternde  und freundliche Worte gibt es unterwegs füreinander. Im Starterbeutel gibt es neben Laufsocken und Sportlernahrung auch Produkte von der Insel: Käse und Gin! Schon beim Empfang des Starterbeutels hatte ich Spaß.

Ich jedenfalls werde sehr wahrscheinlich im nächsten Jahr wieder im Mai nach Menorca reisen. Der Trail Costa de Sud wartet auf mich, wenn ich diese 85-Kilometer-Strecke absolviere, habe ich Menorca einmal komplett umrundet. So viel sieht der normale Tourist ganz sicher nicht von dieser wunderschönen Insel.