Trail-Spektakel UTMB: Xavier Thevenard krönt sich zum „King of Chamonix“

| Text: Norbert Hensen | Fotos: UTMB, Hensen

Xavier Thevenard ist der Sieger des Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) 2018. Zum dritten Mal eroberte der Franzose das oberste Treppchen beim wichtigsten Trailrennen der Welt. Damit zog der 30-Jährige mit den Trail-Legenden Kilian Jornet (Spanien) und Francoise D’Haene (Frankreich) gleich, die ebenfalls dreimal beim UTMB siegen konnten.

Thevenard von den Massen gefeiert

Ein Ort im Ausnahmezustand. Wenn Trailläufer wie Popstars gefeiert werden, dann ist wieder UTMB. Diese vier Buchstaben stehen für mehr als eines der härtesten Rennen der Welt. Der Ultra-Trail du Mont-Blanc ist längst ein Festival des Trailrunnings. Läufer aus fast 90 Nationen bevölkern ein Woche lang den französischen Skiort, 1924 Austragungsort der Olympischen Winterspiele, am Fuß des 4810 Meter hohen Mont Blanc.

2003 beschlossen einige „Verrückte“ den Mont Blanc weitgehend auf dem damals bekannten Rundwanderweg im Laufschritt zu umrunden. Am ersten Rennen nahmen knapp 300 Läufer teil, 67 erreichten das Ziel. Der Mythos war geboren. In welcher Windeseile sich die Umrundung des Mont Blanc als ultimative Herausforderung für Läufer und Bergsportler entwickelte, ist unglaublich.

Mythos Mont Blanc-Umrundung

2018 waren über 10.000 Läufer auf sechs verschiedenen Distanzen (YCC/15km; OCC/56 km; CCC/101 km; TDS/122 km; PTL/300 km und eben dem UTMB über 171 km) angemeldet. Der PTL startet bereits am Montag der Rennwoche, ist zwar der längste Lauf, aber das wichtigste Rennen bleibt der UTMB. Hier versammelt sich seit Jahren die Weltelite. Wer zu den besten Trailrunnern der Welt gehören will, muss sich dem UTMB stellen.

Hier werden Legenden geboren. Marco Olmo, der im Alter von fast 60 Jahren zweimal siegte, gehört ebenso dazu wie der „junge Wilde“ Kilian Jornet Burgada, dessen Stern in Chamonix im Jahr 2008 aufging, als er mit 20 Jahren unbekümmert zu einer damals kaum für möglichen gehaltenen Zeit stürmte und seinen Sieg 2009 und 2011 jeweils wiederholte. Auch der Franzose Francoise D’Haene gehört zu den Legenden – und endgültig seit 2018 nun auch Landsmann Xavier Thevenard.

Gänsehaut im Zielkanal

2010, damals 22 Jahre alt und als Trailläufer noch völlig unerfahren, stellte sich Xavier Thevenard erstmals der Herausforderung des CCC über knapp 100 Kilometer. Thevenard, gut 100 Kilometer Luftlinie westlich von Chamonix aufgewachsen, spielte Fußball und war gerne in den Bergen unterwegs. Wie viele Jungs in seinem Alter.

Die Strecke von Courmayeur über Champex nach Chamonix (deshalb die drei C), gerne auch als kleine Schwester des UTMB umschrieben, legte er in weniger als 12 Stunden zurück. Der damals 22-Jährige hatte seinen Sport gefunden. 2013 stellte sich Thevenard erstmals der langen Distanz – und siegte auf Anhieb in grandiosen 20:34 Stunden. 2015 gewann der damals 27-Jährige beim UTMB erneut.

Im Jahr dazwischen triumphierte Thevenard 2014 beim TDS über 122 km. Damit ist er der einzige Trailläufer, der auf drei verschiedenen Distanzen rund um den Mont Blanc siegen konnte – so ganz aus dem Schatten des übergroßen Kilian Jornet kam er bis dahin aber nicht heraus. Im vergangenen Jahr, als sich Francoise D’Haene und Kilian Jornet ein legendäres Duell mit dem besseren Ausgang für D’Haene lieferten, belegte Xavier Thevenard den vierten Platz.

2018 standen sie nun beide an der Startlinie. Xavier Thevenard und Kilian Jornet. Dazu die beiden starken Amerikaner Zach Miller und Jim Walmsley. Und der Rest der Elite der Ultra-Trailer. Aber alle schauten auf Kilian Jornet, der sich auf den Weg machte, seinen vierten UTMB-Sieg zu feiern.

Kilian Jornet musste nach Bienen-Stich aufgeben

Was am Start kaum jemand wusste: Nur drei Stunden vor dem Startschuss wurde Kilian Jornet von einer Biene gestochen. Der 30-Jährige ist allergisch gegen Bienenstiche, und nicht jedes Mittel, um eine allergische Reaktion zu vermeiden, ist für den Spanier erlaubt. Sein Team tat das Nötigste, um ihn für den Start fit zu machen. Und rund 80 Kilometer konnte Jornet – an zweiter Stelle hinter Zach Miller liegend – noch mithalten. Dann machten sich allergische Reaktionen bemerkbar. „Ich bekam schlecht Luft, mein Fuß schwoll immer weiter an und schmerzte“, beschreibt Kilian Jornet auf seinem Instagram-Account seine Probleme.

Rund eine Stunde nach der Verpflegung in Courmayeur ging er nach rund 90 Kilometern aus dem Rennen. Auch den lange führenden Zach Miller erwischte es. Von einem Schwächeanfall nach gut drei Vierteln der Strecke erholte er sich nicht mehr und stieg entkräftet aus. An der Spitze rannte Xavier Thevenard zu diesem Zeitpunkt längst ein einsames Rennen. Scheinbar mühelos hielt er das Tempo bis ins Ziel hinein hoch. Der letzte Kilometer war ein einziger Triumphzug, tausende Zuschauer standen für den Franzosen Spalier und zur Musik von Vangelis lief er nach 170 Kilometern und 20:44 Stunden ins Ziel. Gänsehaut-Feeling.

Xavier Thevenard mit optimaler Renneinteilung

„Ich hatte heute keinen Schwachpunkt“, sagte der Sieger im Ziel. „Mein Rennen habe ich mir optimal eingeteilt, bin nicht zur schnell angegangen und habe immer versucht, Spaß zu haben.“ Das gelang am Ende des Rennens deutlich besser. Bei Dauerregen starteten die rund 2500 Läufer in die Nacht hinein. Für Xavier Thevenard kein Problem. „Es war zwischenzeitlich sehr kalt oben – und nass, aber es hat mir heute nicht so viel ausgemacht.“ Brav dankte er noch seinen, Eltern, Freunden, seinem Team und speziell seinem Ernährungscoach, der ihn optimal auf das Rennen eingestellt hatte.

Minutenlang nahm er gerührt die Ovationen im Ziel entgegen. Der Applaus wollte nicht enden.  Und er ließ es sich nicht nehmen, den Zielkanal nochmal abzulaufen und mit seinen Fans abzuklatschen.

Mit nun insgesamt 6 Siegen ist er der König von Chamonix. Das hat kein anderer geschafft. Mit gerade mal 30 Jahren ist Xavier Thevenard, dieser kleine Läufer mit dem großen Kämpferherzen, nun auch Legende. Und er wird wiederkommen an seinen geliebten Berg – vielleicht, um sich als erster Läufer der Geschichte zum vierten Mal in die Siegerliste beim UTMB einzutragen.

Die Plätze zwei und drei gingen etwas überraschend aber bereits mit großem Rückstand an Robert Hajnal (Rumänien) in 21:31 Stunden und den Spanier Jordi Gamito (21:57 h). Die Top-10-Läufer kamen aus neun verschiedenen Nationen.

Im Rennen der Frauen ging es deutlich spannender zu. Lange Zeit führte die Italienerin Katia Fori. Aber der UTMB ist nun mal 170 Kilometer lang. Und es kann wirklich alles passieren. Auf den letzten Kilometern erwies sich Landsfrau Francesca Canepa als stärkste Läuferin. Sie überholte auch noch die Spanierin Uxue Fraile Azpeitia und sicherte sich mit rund fünf Minuten Vorsprung in 26:03 Stunden den Sieg. Dritte wurde die Französin Jocelyne Pauly Givres in 26:15 Stunden.

Hier findest du Berichte, Infos und Ergebnisse zum UTMB 2018

Thomas Evans und Yao Miao Sieger im CCC

Dass China zu den aufstrebenden Nationen im Ultratrail gehört, wissen die Experten schon länger. Das Laufen boomt in China wie in keinem anderen Land auf der Welt. Und Trailrunning ist enorm populär. Im CCC über 101 Kilometer führte der Chinese Qi Min lange das Feld an – bis rund 6 Kilometer vor Schluss.

Doch der Brite Thomas Evans (Team Hoka One One) hatte sich das Rennen etwas besser eingeteilt. Minute um Minute arbeitete er sich an den Chinesen heran. Zwischenzeit betrug sein Rückstand mehr als 20 Minuten, doch seine Stärke im Downhill konnte er auf den letzten Kilometern deutlich ausspielen. „Ich wusste, dass ich das Rennen gewinne, wenn ich am letzten Anstieg nur einen geringen Rückstand habe“, sagte Evans. Und ließ den Worten Taten folgen. Am Ende setzte er sich 10:44 Stunden durch. Qi Min folgte mit rund sechs Minuten Rückstand.

Bei den Frauen setzte sich dafür seine Landsfrau Yao Miao durch, die Katie Schide (USA) und Ida Nilsson (Schweden) in unglaublich starken 11:57 Stunden um 30 bzw. fast 45 Minuten distantierte.

UTMB 2018 in Bildern - Atmosphäre, die begeistert

Die Faszination Trailrunning erlebt man als Läufer auf der Strecke. Ob man in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich oder Italien läuft – überall findet man grandiose Landschaften. Als Zuschauer erlebt man die Faszination aber nirgendwo so hautnah wie in Chamonix. Und das hat neben einer professionellen Organisation vor allem mit dem Mythos der Mont Blanc-Umrundung und mit Athleten wie Kilian Jornet, Zach Miller, Jim Walmsley oder Xavier Thevenard zu tun. Sie haben dem Trailrunning nicht nur ein neues Gesicht gegeben. Sie haben Trailrunning „sexy“ gemacht. Die Läufer auf den Trails dieser Welt werden immer jünger. Die Stars der Szene sind nicht mehr 40 Jahre aufwärts, wie es der Fall war, bevor die jungen Wilden wie Jornet oder Thevenard die Trails eroberten.

Dass Trailrunning die Massen begeistern kann, zeigt sich beim Ultra-Trail du Mont Blanc in Chamonix auf besondere Weise. Läufer aus fast 90 Nationen feiern hier eine große Trail-Party. Die Stimmung kann man nicht beschreiben – man muss sie erleben. Natürlich wird das Event mit Moderationen und emotionaler Musik angeheizt. Das gehört dazu. Aber im Mittelpunkt stehen die Athleten, die nicht nur in die Nacht entlassen und Stunden später wieder empfangen werden. Auch in den Orten, die auf der Umrundung des Mont Blanc-Massivs passiert werden, ist Volksfeststimmung. Mitten in der Nacht stehen die Zuschauer trotz Dauerregens in Vierer-Reihen an der Strecke, um Läufer anzufeuern, die sie in der Dunkelheit kaum erkennen können.

Zwischen Kommerz und dörflicher Atmosphäre

Längst werden auch Vorwürfe der Kommerzialisierung des Trailrunnings laut. Mag sein, dass man auch das in Chamonix auf die Spitze treibt. Die Liste der Sponsoren ist extrem lang. Aber so einen Leuchtturm braucht die Szene, weil er auch auf andere Events abstrahlt. Und am Ende stimmen die Läufer immer noch mit ihren Füßen ab. Chamonix, das selbst weniger als 10.000 Einwohner hat, würde aus allen Nähten platzen, wenn es alle Anmeldungen annehmen würde. Seit Jahren entscheidet das Los über die Teilnahme am UTMB, obwohl man sich im Vorfeld bei anderen Trailläufen über ein Punktesystem erst qualifizieren muss, übersteigt die Anzahl der Laufwilligen die Anzahl der möglichen Plätze um ein Vielfaches.

Der UTMB hat sicher seine Kapazitätsgrenze erreicht. Diese gilt es nun, nicht zu sehr zu strapazieren, damit neben den Stars der Szene auch die vielen Freizeitläufer weiterhin gerne hierher kommen. Denn ohne sie wäre der UTMB nicht das Zusammentreffen von Läufern aus aller Welt, das diese besondere Atmosphäre ausmacht.

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