Marathonlaufen statt Kettenrauchen
Wie Barbara Böhm mit Laufen dem ungesunden Trott entfloh

| Text: Anja Herrlitz | Fotos: privat

Noch 2015 war Barbara Böhm Kettenraucherin, unsportlich und in einer für sie ungesunden Beziehung. Dann stellte sie alles in Frage und fand einen besseren Weg, in dem Laufen eine große Rolle spielt.

Anfang 2016 war ein Wendepunkt im Leben von Barbara Böhm. „Bis dahin war mein Leben langweilig und träge. Es war eintönig und ich war in einem Trott gefangen. Ich habe vor mich hingelebt ohne große Perspektive“, findet sie klare Worte für die Zeit davor. „Ich war Kettenraucherin, unsportlich und in einer für mich nicht gesunden Beziehung – eigentlich war ich gar nicht wirklich am Leben.“

Ein bis zwei Schachteln rauchte die heute 32-Jährige damals. Sport fand sie an sich nicht schlecht – sie wusste bloß nicht, was sie machen sollte und wie anfangen. Dazu kam ein Partner, der sie sehr an sich band. Was Barbara Böhm in ihrer Freizeit ohne ihn machte, sah er als Entscheidung gegen sich an.

Ende 2015 verstarb dann auch noch Barbara Böhms geliebte Mutter an Lungenkrebs. „Sie war wirklich die liebste Mutter der Welt, aber in einer Hinsicht auch kein Vorbild: Sie war fast ihr ganzes Leben lang Raucherin, nicht wirklich sportlich und bis auf ihre über alles geliebte Familie und die zwei Katzen ziemlich unzufrieden mit ihrer Lebenssituation, was unter anderem an ihrer Depression lag. Sie hat sich alles gefallen lassen, hat nie etwas geändert, sie war in ihrem Trott. Damals habe ich aber noch keine Parallelen zwischen unseren Leben gesehen, dafür war ich zu sehr in meinem Trott gefangen.“

Unterbewusst nahm Barbara Böhm die Ähnlichkeiten im Leben von Mutter und Tochter aber wahrscheinlich doch wahr, denn nach dem Tod der Mutter hinterfragte sie alles in ihrem Leben. Und stellte erst einmal fest: Die Beziehung tat ihr nicht gut.

Sie fand die Kraft, sich von ihrem damaligen Partner zu trennen, zog aus und lebte zum ersten Mal in ihrem Leben alleine. Aus Sorge um ihre Gesundheit hörte sie auch mit dem Rauchen auf. „Da war ich nun, noch mitten in der Trauer, das erste Mal in einer eigenen Wohnung alleine lebend, auf Entzug – und nahe an einer Depression“, blickt Barbara Böhm zurück. „Noch in der Woche des Rauchstopps habe ich mit dem Laufen angefangen, weil ich auf einmal so viel Zeit für mich hatte und irgendeinen Sinn in meinem Leben brauchte.“

Der Laufstart: Körperlich und emotional eine Qual

Und dieser Laufbeginn war am Anfang vor allem eines: Unglaublich anstrengend und nicht unbedingt spaßig. In der Nähe ihrer Wohnung gab es einen Trimm-dich-Pfad. Dort kämpfte sie sich von Posten zu Posten. Jede Woche erweiterte sie ihre Laufstrecke um einen Posten.

„Am Anfang konnte ich nicht einmal eine Minute durchlaufen“, kann sie sich heute noch erinnern. „Es war körperlich eine Qual und auch emotional hatte ich einige Zusammenbrüche.“ Weshalb sie damals trotzdem nicht aufgab und weiter am Ball blieb – das weiß sie heute auch nicht mehr so genau. Vermutlich sei es ihre Motivation gewesen, etwas zu schaffen.

Ich habe heute so viel mehr Selbstvertrauen und bin viel entspannter.

Barbara Böhm darüber, was sich bei ihr durch das Laufen verändert hat.

Nach dem ersten Wettkampf beginnt das Laufen Spaß zu machen

Und irgendwie hatte sie dann auch der Ehrgeiz gepackt. Spätestens als sie herausfand, dass es genau auf der Strecke, auf der sie immer trainierte, auch einen Zehn-Kilometer-Wettkampf gab. Dieser wurde ihr Ziel, auf das sie hinarbeitete.

Und im September 2017, knapp ein halbes Jahr nachdem sie mit dem Laufen begonnen hatte und zwischendurch wegen einer Verletzung pausieren musste, schaffte sie es: Sie stand bei dem Wettkampf nicht nur am Start, sondern lief auch ins Ziel. Und das in beachtlichen 60:45 Minuten. „Ich war so stolz, als ich im Ziel war. Und da hat es dann auch angefangen, mir Spaß zu machen.“

Der Grundstein war gelegt. Von da an gab es immer neue Ziele für Barbara Böhm. Nur einen Monat später blieb sie über zehn Kilometer schon zum ersten Mal unter 60 Minuten. Im Frühjahr darauf lief sie im Wettkampf erstmals 15 Kilometer. Und meinte im Ziel, sie hätte noch weiterlaufen können. Der erste Halbmarathon war also nur die logische Konsequenz.

Trainerausbildung, um ihr Wissen an andere weiterzugeben

„Und danach läuft man dann halt einen Marathon“, erzählt sie lachend. Und das tat sie: 2019 schaffte sie in Freiburg erstmals die 42,195 Kilometer. „Das war schon noch mal was anderes“, blickt sie zurück. Zehn Kilometer oder auch Halbmarathon konnte sie ohne spezifische Vorbereitung bewältigen. „Aber Marathon ging nicht ohne Plan.“

Auch deshalb machte sie damals die Trainerausbildung von Laufcampus, dem Unternehmen des LÄUFT.-Experten Andreas Butz. Um sich selbst besser vorzubereiten. Aber auch, um ihr Wissen weiterzugeben: Sie bietet Laufkurse, Leistungsdiagnostik und Trainingsplanung an, um noch mehr Leute vom Laufen zu begeistern.

Einmal im Jahr gönnt sich Barbara Böhm als Highlight einen Marathon, auf den sie sich auch vorbereitet. Sonst läuft sie einfach aus Freude. Fast jeden Morgen dreht sie ihre Runden, um für den stressigen Alltag gewappnet zu sein, in dem sie als Leiterin einer Einrichtung für Menschen mit psychischer Erkrankung arbeitet. „Wenn ich dann laufe, geht es nicht um Training oder ein bestimmtes Tempo, sondern einfach darum, in der Natur zu sein und meinen Körper zu spüren. Es ist für mich wichtig, um gesund zu bleiben. Physisch und psychisch.“

Mit Laufen die Herausforderungen des Alltags besser bewältigen

Und Laufen hat ihr auch noch anders geholfen: „Ich habe heute so viel mehr Selbstvertrauen und bin viel entspannter“, sagt die 32-Jährige, die vor zwei Jahren der Liebe wegen aus dem schweizerischen Basel in die Nähe von Nürnberg gezogen ist. Ihr Motto: Wer vier oder viereinhalb Stunden durchlaufen kann, schafft auch andere Herausforderungen des Alltags. „Man kann viele Aspekte der Trainingsplanung auch auf den Alltag anwenden: Es braucht Durchhaltevermögen und Planung – im Sport und im Leben. Mit einer guten Vorbereitung klappt fast alles. Vielleicht stolpert man mal, aber dann steht man auf und macht weiter.“

Und so geht sie heute entspannter, selbstbewusster und auch viel gesünder als noch 2015 durchs Leben. Und nachdem sie anfangs oft ein bisschen belächelt wurde, bekommt sie heute auch viel Anerkennung von ihrem Umfeld. „Klar: Es gibt immer noch einige, die sagen, ich übertreibe es. Aber die meisten erkennen es an. Man kennt mich fast nicht mehr anders. Und man sieht ja, dass es mir guttut. Ich bin ein anderer Mensch geworden. Ich bin total glücklich.“ Und dabei soll es jetzt bleiben.