Nach Autounfall
Wie Bernhard Möschel entgegen der Ärzte-Prognose wieder zu laufen begann
2012 überlebt Bernhard Möschel nur durch Glück einen schweren Autounfall. Die Prognose seiner Ärzte, er werde nie wieder joggen können, ignoriert er. Und startete jetzt eine Spendenlauf.
Manchmal ist es nur eine Sekunde Pech, die ein Leben verändern kann. Am 11. Februar 2012 war Bernhard Möschel mit dem Auto unterwegs. Der damals 24-Jährige wollte sich mit Freunden treffen. Der Tag war schön gewesen. Kalt, aber gutes Wetter. Nun war es Abend, gegen 19:30 Uhr.
„Und plötzlich bin ich ins Rutschen gekommen. Ich hatte sicherlich um die 70 Stundenkilometer drauf und bin mit einem Auto aus dem Gegenverkehr frontal zusammengestoßen“, erzählt Bernhard. Vermutlich hatte die Sonne tagsüber den liegenden Schnee schmelzen lassen, der auf die Straße lief und nun gefroren war. Und vermutlich kam Bernhard Möschel auf einer glatten Stelle ins Rutschen.
Rettung aus dem brennenden Auto
An all das hat Bernhard Möschel heute keine Erinnerung mehr. Er weiß es nur aus Erzählungen. Seine Erinnerungen enden an diesem Tag um 18 Uhr. Der Mann aus dem Auto, mit dem Bernhard Möschel zusammengestoßen war, hat Glück. Er kann sein Auto selbständig verlassen und ist nur leicht verletzt.
Bernhard hat weniger Glück. Er ist ohnmächtig. Und nicht nur das. Sein Auto beginnt zu brennen. Und die Türen lassen sich nicht mehr öffnen. Aber dann hat er auch Glück. Zwei Ersthelfer, die auf dem Weg ins Theater waren, fackeln nicht lange. Mit der Spitze eines Skistocks, den sie zufällig im Auto haben, schlagen sie die Windschutzscheibe ein und ziehen Bernhard aus dem Auto, kurz bevor auch der Innenraum in Flammen aufgeht.
Zahlreiche schwere Verletzungen
Und er hat weiter Glück. Zwei der insgesamt drei Leute, die ihm direkt helfen, sind Ärzte. Er wird ins Krankenhaus in Lindenberg im Allgäu gebracht, ganz in der Nähe des Bodensees. „Da hat man relativ schnell festgestellt, dass man mir dort bei meinen Verletzungen nicht helfen kann“, blickt Bernhard zurück.
Er hat einen Milzriss, ein Halswirbel ist angebrochen, er hat einen Riss in der Aorta, der zum Glück nicht größer ausgefallen ist, weil er sonst direkt verblutet wäre. Bernhard hat ein Schädel-Hirn-Trauma und sein rechtes Bein ist stark in Mitleidenschaft genommen: Alle Bänder rund um das Kniegelenk sind abgerissen, die Kniescheibe ist gebrochen.
Herber Rückschlag nach drei Wochen
Er wird mit dem Krankenwagen nach Ulm ins Krankenhaus gebracht, wo er acht Stunden operiert wird. Nach einigen Tagen wird er wach. Danach scheint das Schlimmste zunächst überstanden. „Es ging mir drei Wochen lang relativ gut und es wurde schon überlegt, in welche Reha ich gehen könnte“, erzählt Berndhard. Doch dann versagen plötzlich seine Nieren, die Lunge kollabiert. Keiner weiß wieso.
Er wird an eine ECMO angeschlossen. Ein Gerät, das Blut des Patienten nach außen leitet, es künstlich mit Sauerstoff anreichert, Kohlendioxid entfernt und es dann zurück pumpt. Es dient als temporärer Herz- oder Lungenersatz bei lebensbedrohlichem Organversagen. Und auch hier hat er Glück, denn zu diesem Zeitpunkt hatte bei weitem nicht jedes Krankenhaus eine solche Maschine. „Es war das zweite Mal, dass mir das Leben gerettet wurde“, meint Bernhard.
Gut vier Monate verbringt er im Krankenhaus, dann ist er ein paar Tage daheim und kommt dann in die Reha. Aber nach drei Wochen entzündet sich sein Knie und er kommt zurück ins Ulmer Krankenhaus und später wieder in eine andere Reha.
Ein körperliches und seelisches Auf und Ab
Es ist ein Auf und Ab. Körperlich. Aber auch emotional. „Manchmal habe ich mich schon gefragt: Wieso war nicht einfach am Unfallort alles vorbei?“ Seinen Freunden gegenüber gibt er sich stark und optimistisch. Aber wenn seine Mutter da ist, gesteht er sich ein, schwach zu sein. Sein Bruder hilft ihm in dieser Zeit sehr mit seinem medizinischen Wissen, das er als Rettungssanitäter erworben hat.
Die Prognose seiner Ärzte ist damals: Gehen, das wird wohl wieder. Aber Sport, das wird eher nicht mehr möglich sein. „Und dann dachte ich mir nur: Ich zeige euch, was man alles kann, wenn man selber dran glaubt“, erzählt Bernhard über seine damalige Einstellung. Denn er hatte da noch eine Wette mit seinem Onkel laufen.
„Joggen, das war eigentlich nicht so mein Hobby“, blickt er zurück. Aber im September 2011 schaut er mit seinem Onkel beim Hochgratlauf zu. Der Lauf in Oberstaufen im Allgäu ist 6,04 Kilometer lang, dabei müssen aber 850 Höhenmeter bis zum Ziel auf 1708 Metern Höhe überwunden werden – das entspricht einer durchschnittlichen Steigung von rund 14 Prozent.
Eine Wette treibt ihn an
Während die Schnellsten das in rund einer halben Stunde schaffen, wird weiter hinten im Feld meist eine gute Stunde dafür benötigt. „Und dann habe ich in meinem Leichtsinn gesagt, dass schafft man locker in unter einer Stunde.“ Und so steht die Wette: 2012 soll Bernhard am Start stehen und in weniger als einer Stunde ins Ziel laufen.
Dazu kommt es nach seinem Unfall natürlich nicht. Aber noch im Krankenhaus schreibt Bernhard auf einen Zettel, dass er die Wette trotzdem irgendwann einlösen wird. Und deswegen arbeitet er daran, wieder mobil zu werden. Erst steht normales Gehen im Mittelpunkt. Dann macht er wieder kleinere Wanderungen, schließlich auch wieder auf Berge. Und 2014 beginnt er wieder mit dem Laufen. Eine Minute laufen, zwei Minuten gehen. Denn er denkt sich: „Ich bin einfach zu jung, um nur auf dem Sofa zu liegen und mich zu bemitleiden, was ich alles nicht mehr machen kann.“
Bis heute körperliche Beeinträchtigungen
Denn auch wenn seine Verletzungen gut verheilt sind – auch heute noch spürt er die Folgen. Sein Knie kann er weder komplett strecken noch komplett beugen. Und auf dem rechten Auge sieht er nicht mehr so gut, weil sich auf dem Sehnerv ein Krankenhauskeim abgesetzt und ihn beschädigt hat. „Aber es hätte alles viel schlimmer sein können.“ Psychisch belastet ihn das Geschehene zum Glück nicht mehr.
Und dann läuft Bernhard wieder. Eine Bekannte ist Personal Trainerin und unterstützt ihn beim Kraftaufbau. Er nimmt wieder an Wettkämpfen teil. Und verliert auch sein Ziel nicht aus den Augen: den Hochgratlauf und die Wette mit seinem Onkel. Da er sich auf unebenem Untergrund bergauf nur mit Stöcken an den Start trauen würde, diese bei dem Lauf aber nicht erlaubt sind, schreibt er 2023 den Veranstalter an. Beschreibt seine Geschichte und bittet um eine Ausnahme. Die der Veranstalter aber nicht machen kann.
Aus zwei Wochen Laufpause werden eineinhalb Jahre
„Da wollte ich einfach mal zwei Wochen Pause machen vom Laufen“, blickt er zurück. Und aus den zwei Wochen wurden eineinhalb Jahre. Die Motivation ist einfach komplett weg nach den Jahren, in denen er sich aus dem Tal wieder nach oben gearbeitet hat. Und dann im Juli 2025 ist sie plötzlich wieder da. An einem verregneten Tag spürt Bernhard: Ich muss jetzt laufen gehen.
Und das tut er. Und hat gleich eine Idee: Er will einen Spendenlauf machen. Dann hat er ein Ziel, auf das er hinarbeiten kann. Die Idee wird schnell konkret. Bernhard arbeitet als Verantwortlicher für das Ticketing und den Shop beim Waldwelt Skywalk Allgäu, einem rund 540 Meter langen Baumwipfelpfad in bis zu 40 Metern Höhe bei Scheidegg im Allgäu. Hier findet im April 2026 der Skywalk-Lauf statt. Die Teilnehmenden absolvieren eine 670 Meter lange Runde mit 110 Stufen nach oben und 120 Stufen nach unten. Und im Rahmen dieses Laufs will Bernhard innerhalb von 6 Stunden Spenden für die Lebenshilfe Lindau erlaufen. Und möglichst 50 Runden laufen.
Den Hochgratlauf noch immer im Blick
Und so kommt es. Bernhards Freude fürs Laufen ist wiederentfacht und so startet er seinen Spendenlauf. „Leider lief es nach einer Stunde nicht mehr so gut“, blickt er zurück. Ich hatte starke Schmerzen an der Fußsohle.“ Und als die irgendwann weg sind, hat er das Gefühl, er bekommt Krämpfe. Aber er gibt nicht auf. Auch wenn er nicht mehr rennt, er geht immerhin weiter und kommt so auf 37 Runden. Und sammelt damit knapp 5000 Euro an Spenden.
Heute geht Bernhard vier- bis fünfmal pro Woche laufen. Weil es ihm guttut. Und er hat damit bewiesen, was möglich ist, wenn man etwas will. Auch nach einem Schicksalsschlag kann man sich wieder nach oben kämpfen.
Und eine Sache hat der 38-Jährige immer noch im Blick: Den Hochgratlauf. Mit dem einst mal alles begonnen hat und den er so gerne selbst einmal finishen möchte. „Und wenn ich da nicht mit Stöcken an den Start darf, dann muss ich eben so fit werden, dass ich es ohne Stöcke schaffe.“ Und wenn man sieht, was er schon erreicht hat – wer sollte daran zweifeln, dass er dieses Ziel auch noch erreicht.