Das Neueste aus der Szene
WM-Premiere: Richard Ringer will die Großen ärgern

| Martin Neumann I Foto: von der Laage
66 deutsche Leichtathleten starten bei der WM in Peking, darunter sechs Mittel- und Langstreckenläufer. Wir stellen Senkrechtstarter Richard Ringer vor.

66 deutsche Leichtathleten starten bei der WM in Peking Ende August, darunter sechs Mittel- und Langstreckenläufer. Wir stellen den Senkrechtstarter auf den 5.000 Metern vor: Richard Ringer. Der Friedrichshafener hat sich Mitte Juli auf 13:10,94 Minuten über 5.000 Meter verbessert. Schneller waren überhaupt nur drei Deutsche.

Seit zwei Wochen ist Richard Ringer nicht mehr Jäger. Der 26-Jährige ist in Deutschland der Gejagte. „Schuld“ am Rollenwechsel ist er selbst – und seine 13:10,94 Minuten, die der 5.000-Meter-Läufer vom VfB LC Friedrichshafen am 18. Juli in Heusden (Belgien) abgeliefert hat. Seine alte Bestzeit steigerte er gleich um fast 15 Sekunden, ein Leistungssprung von der europäischen in die erweiterte Weltspitze. Auf Tuchfühlung zu den schnellen Ostafrikanern und Großbritanniens Olympiasieger Mo Farah. In Deutschland war nur Olympiasieger Dieter Baumann seit 1995 schneller.

„Vergangenes Jahr konnte ich bei den Deutschen Meisterschaften Arne Gabius besiegen, in Nürnberg hätten sich alle anderen gefreut, mich zu besiegen. Der Druck lastete auf mich, ich war so nervös wie lange nicht mehr“, sagte Ringer am Sonntagnachmittag im Grundig-Stadion und beschrieb damit die neue Hackordnung auf den zwölfeinhalb Runden. Arne Gabius (LT Haspa Marathon Hamburg) hatte auf einen DM-Start am Sonntag in Nürnberg verzichtet. Er bereitet sich auf den WM-Start in vier Wochen in Peking über 10.000 Meter und den Frankfurt-Marathon Ende Oktober vor.

Bei den Deutschen Meisterschaften übernahm Ringer ab und an die Spitze, um das Rennen im Endspurt in 14:04,05 Minuten klar vor Clemens Bleistein (LG Stadtwerke München; 14:06,48 min) und Amanal Petros (TSVE Bielefeld; 14:06,88 min) für sich zu entscheiden. „Ich wollte mich dem Publikum zeigen, ohne für die anderen zu sehr das Tempo zu machen. Schließlich war es eine Meisterschaft, da zählt nur die Platzierung“, sagte Ringer. Außerdem unterschätzte der 26-Jährige die Konkurrenz nicht: „Klar hatte ich von der Meldeleistung her einen großen Vorsprung. Das ist aber nur eine Zahl auf einem Stück Papier. Mehr nicht.“ Dieser Satz ist bezeichnend für Richard Ringer. Er geht mit der nötigen Portion Demut und Respekt gegenüber der Konkurrenz in die Rennen.

In Deutschland waren nur Dieter Baumann (12:54,70 min/1997), der vor vier Jahren verstorbene Stéphane Franke (13:03,76 min/1995) und Hansjörg Kunze (13:10,40 min/1981) schneller als der Friedrichshafener. Gleich um 17 (!) Plätze auf Rang vier katapultierte sich der 26-Jährige in der ewigen deutschen Bestenliste nach vorn und überholte so bekannte Läufer wie Arne Gabius (13:12,50 min/2013), Thomas Wessinghage (13:12,78 min/1982), Jan Fitschen (13:14,85 min/2007) oder Harald Norpoth (13:20,49 min/1973). Für Richard Ringer nicht mehr als eine nette Momentaufnahme: „Mich interessiert nicht, wen ich überholt habe. Für mich geht es darum, kontinuierlich schneller zu werden.“ Das ist ihm in den vergangenen Jahren bestens gelungen. 2012 blieb er erstmals unter 14 Minuten (13:43,07 min in Koblenz), drei Jahre später ist er mehr als eine halbe Minute schneller.

Dass er nicht jede Woche in diesem Leistungsbereich laufen kann, weiß Richard Ringer nur zu gut. Abgesehen von der Diamond League – die für ihn noch eine Nummer zu groß erscheint – gibt es in Europa nur noch ganz wenige 5.000-Meter-Rennen, bei denen ein ganz dichtes Feld Richtung 13:00 bis 13:15 Minuten läuft. Ausnahme Heusden. Das ist schon länger so. Auch Jan Fitschen und Arne Gabius stellten in der belgischen Kleinstadt ihre Bestzeiten auf. „Bei 2.000 Metern hatte ich 5:18 Minuten und war Letzter. Dann habe ich mich immer weiter nach vorn gearbeitet. Vier Runden vor Schluss wusste ich, dass es eine Top-Zeit werden würde“, erinnert sich Ringer, der auf der Schlussrunde sogar teilweise in Führung gelegen hatte. Am Ende belegte er in 13:10,94 Minuten Rang zehn. Denselben Platz erreichte in Heusden über 1.500 Meter mit 3:37,81 Minuten sein Trainingspartner Martin Sperlich. Wohlgemerkt: im B-Lauf! Das unterstreicht das hohe Niveau des Meetings.

Meist absolviert Richard Ringer zwei Trainingseinheiten am Tag, eine vor eine nach der Arbeit. Zwischen 13 und 17 Uhr ist er halbtags als Controller bei Rolls-Royce Power Systems in Friedrichshafen beschäftigt. Gleichzeitig ist der Job willkommene Abwechslung vom Hochleistungssport. Nicht alles dreht sich beim 26-Jährigen um die Sekundenjagd auf der Laufbahn. So verschwendet der EM-Vierte auch keinen Gedanken an die Schallmauer über 5.000 Meter – die 13-Minuten-Marke: „Steigerungen in diesem Bereich sind nicht mehr so einfach. Da muss alles passen. Für mich sind die großen Meisterschaften entscheidend. Bei Europameisterschaften kann ich um die Medaillen laufen.“

Bei den Weltmeisterschaften in vier Wochen wird das Podium für Richard Ringer ein gutes Stück entfernt sein. Zu stark ist die Konkurrenz in Peking. So darf Kenia durch den Diamond League-Gesamtsieg 2014 von Caleb Ndiku gleich vier Starter stellen. Dazu kommen die schnellen Äthiopier, Mo Farah und diverse von Öl-Staaten „eingekaufte“ Ostafrikaner. Trotzdem schaut Richard Ringer selbstbewusst auf seine WM-Premiere: „Ich habe nichts zu verlieren und will die Großen ärgern.“ So spricht einer, dem die WM-Rolle des Jägers dann doch deutlich besser gefällt als die Rolle des Gejagten bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg.

Diese deutschen Leichtathleten starten bei der WM in Peking

ANZEIGE