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Der Wochen(end)-Rückblick
In London wird Geschichte geschrieben. Und Hendrik Pfeiffer kann sich einen EM-Start vielleicht nicht leisten

| von Christian Ermert & Norbert Hensen

Was für ein Tag: In London laufen Sabastian Sawe und Yomif Kejelcha Marathon unter zwei Stunden. Samuel Fitwi wird Zweiter in Hamburg. Und der EM-Start von Hendrik Pfeiffer ist unsicher. Mehr hier.

Dieser Marathon-Sonntag ist in die Geschichte eingegangen. Wo man hinhörte, am Tag danach war Marathon war Thema Nummer ein. Weil In Düsseldorf, Hamburg, Dresden und in Ostwestfalen beim Hermannslauf Tausende Halbmarathon oder Marathon gelaufen sind. Aber vor allem weil in London Historisches geschehen ist.

Gleich zwei Läufer haben den Marathonlauf in eine neue Dimension gehoben. Sabastian Sawe aus Kenia und Yomif Kejelcha aus Äthiopien durchbrachen als erste Athleten bei einem regulären Rennen über 42,195 Kilometer die magische Zwei-Stunden-Barriere. Sabastian Sawe unterbot in 1:59:30 Stunden sogar die bisher von Eliud Kipchoge gehaltene Rekordzeit für einen Marathon unter nicht regulären Bedingungen. Der Kenianer war 2019 in Wien mit wechselnden Tempomachern die 42,195 Kilometern 1:59:40 Stunden gelaufen.

Den Rennbericht zum London-Marathon liest du hier auf leichtathletik.de

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Im Kampf um den Sieg unter der Zwei-Stunden-Barriere: Sabastian Sawe und Yomif Kejelcha

Dieser Marke kam an diesem historischen Sonntag in London auch Yomif Kejelcha aus Äthiopien bei seinem Marathon-Debüt ganz nah. In 1:59:41 Stunden unterbot er den alten Weltrekord von Kelvin Kiptum deutlich, der 2023 in Chicago 2:00:35 gelaufen war und wenige Monate später bei einem tragischen Autounfall in Kenia ums Leben kam.

Nach seinem Sieg erinnerte Sabastian Sawe auch an seinen verstorbenen Vorgänger als Marathon-Weltrekordler, der vor seinem Tod schon als DER Kandidat für den ersten regulären Unter-Zwei-Stunden-Marathon gegolten hatte. „Es tut mir sehr leid für seine Familie und ich möchte ihnen sagen: Ich bin heute im Sinne von Kelvin gelaufen. Ich habe das gemacht und weitergeführt, was er angefangen hatte.

Mit dem Weltrekord von London dürfte aber noch nicht das Limit über 42,195 Kilometer erreicht sein, denn die Strecken bei den Herbstrennen in Berlin, Chicago oder Valencia gelten als schneller als die in London. Drei Optionen für Sabastian Sawe, den Rekord weiter zu steigern. Ein ausführliches Porträt über Sabastian Sawe, der in einfachen Verhältnissen im kenianischen Hochland aufwuchs und dessen Talent lange nicht erkannt wurde, liest du hier auf leichtathletik.de.

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Tigst Assefa läuft wie Sabastian Sawe in brandneuem Carbon-Schuh Weltrekord

In London betonte er, wie wichtig auch die technische Entwicklung für seine Leistung ist. „Den Weltrekord zu brechen, ist etwas, wovon ich schon lange geträumt habe, und ihn zu erreichen bedeutet mir und dem Laufsport sehr viel“, erklärte er, „es spiegelt die harte Arbeit hinter den Kulissen wider, die Unterstützung meines Teams sowie die Rolle von Innovationen, die mir helfen, meine Grenzen zu überschreiten.“

Damit meinte er vor allem den brandneuen Laufschuh seines Ausrüster Adidas, der zu seiner Leistung, aber auch zu der von Yomif Kejelcha und Tigst Assefa aus Äthiopien in London beigetragen hat. Kejelcha unterbot bei seinem Marathon-Debüt als zweiter Läufer unter zwei Stunden in 1:59:41 Stunden die Zwei-Stunden-Marke. Tigst Assefa verbesserte ihren eigenen Weltrekord für Frauenrennen ohne männliche Tempomacher von 2:15:50 auf 2:15:41 Stunden. Alle drei trugen in London den brandneuen Carbonschuh Adizero Adios Pro Evo 3 von adidas, über den du hier alles erfährst.

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Hamburg: Samuel Fitwi wird in 2:04:45 Stunden Zweiter

Die aus deutscher Sicht beste Leistung des Wochenendes sorgt beim 40. Haspa Marathon Hamburg Samuel Fitwi vom Silvesterlauf Trier e.V. Als Zweiter lief der 30-Jährige mit 2:04:45 Stunden die zweitschnellste jemals von einem deutschen Athleten gelaufene Zeit erzielte. Noch schneller als Fitwi war lediglich der 33 Jahre alte Marokkaner Othmane El Goumri, der mit 2:04:24 Stunden einen neuen marokkanischen Rekord aufstellte. Sein Sieg wurde mit einem Preisgeld von 30.000 Euro belohnt.

Samuel Fitwi, der sich über 20.000 Euro Preisgeld freuen durfte, konnte lediglich die letzte Tempoverschärfung des Marokkaners nicht mitgehen. „Samu hat heute taktisch alles richtig gemacht“, lobte sein Trainer Yannik Duppich, „das war sein stärkstes Marathonrennen bislang und ich bin sicher, dass er in Zukunft auch klar schneller als 2:04 Stunden laufen kann.“

Der 2013 aus seinem Heimatland Eritrea geflohene Samuel Fitwi ärgerte sich nicht über einen verpassten Sieg, sondern war stolz auf seinen zweiten Platz. „Die Pacemaker haben einen tollen Job gemacht, ich konnte mich immer einreihen und habe mich bis zum Ende gut gefühlt“, so Fitwi.

Dabei hatte Fitwi durchaus ein Experiment gewagt. Er war nicht direkt aus dem Höhentrainingslager nach Hamburg gereist, sondern hat die letzten 18 Tage vor dem Rennen in der Heimat in der Vulkaneifel verbracht. „Das hat sehr gut funktioniert, ich habe mich gut erholt gefühlt“, so Fitwi, der zuvor knapp drei Monate in der Höhe von Addis Abeba trainiert hatte. Die Hauptstadt Äthiopiens liegt auf 2355 Metern Höhe. Teilweise ist Fitwi sogar in Höhenlagen jenseits der 2500 Meter gelaufen.

Einer der ersten Gratulanten im Ziel war Richard Ringer, der für seinen Partner Asics in Hamburg an der Strecke ein gefragter Experte war. Fitwi war genau eine Sekunde schneller als Ringer, der Marathon-Europameister von 2022, wenige Tage zuvor beim Marathon in Boston. „Das war ein bärenstarkes Rennen von Samuel“, meinte Richard Ringer, der in Hamburg vor einem Jahr mit 2:07:23 Stunden Siebter geworden war. „Ich kann gut einordnen, was diese Leistung auf diesem Kurs wert ist – in Valencia wäre Samuel heute wahrscheinlich deutschen Rekord gelaufen.“

Aaron Bienenfeld schnellster deutscher Debütant

Einer der ersten Gratulanten im Ziel war Richard Ringer, der für seinen Partner Asics in Hamburg an der Strecke ein gefragter Experte war. Fitwi war genau eine Sekunde schneller als Ringer, der Marathon-Europameister von 2022, wenige Tage zuvor beim Marathon in Boston. „Das war ein bärenstarkes Rennen von Samuel“, meinte Richard Ringer, der in Hamburg vor einem Jahr mit 2:07:23 Stunden Siebter geworden war. „Ich kann gut einordnen, was diese Leistung auf diesem Kurs wert ist – in Valencia wäre Samuel heute wahrscheinlich deutschen Rekord gelaufen.“

Und dann gab es in Hamburg noch einen Rekord: Aaron Bienenfeld (Düsseldorf Athletics) wurde in Hamburg zum schnellsten deutschen Marathon-Debütanten aller Zeiten. Mit 2:08:47 Stunden kam er auf den 16. Rang in einem starken Männerfeld.

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Düsseldorf: Die Pfeiffers gewinnen den Halbmarathon an, aber Hendrik muss womöglich auf den EM-Marathon verzichten

Für Top-Leistungen sorgten an diesem Wochenende aber auch wieder mal das Ehepaar Pfeiffer – wenn man in die Bewertung mit einfließen lässt, dass Hendrik und Esther eine Woche vor dem von ihrem Partner Uniper unterstützten Düsseldorf-Marathon in Boston und Laredo in extrem harten Rennen jeweils eine Bestleistung abgeliefert hatten. Esther hatte ihre Zehn-Kilometer-Bestleistung auf 30:45 Minuten gesteigert und Hendrik war in Boston mit 2:06:34 so schnell wie nie zuvor über 42,195 Kilometer. Das zählt zwar wegen der insgesamt abschüssigen Strecke in Boston nicht für die offiziellen Bestenlisten, aber wer die hügelige Strecke von Boston kennt, weiß, wie hoch das einzuschätzen ist. In Düsseldorf gewannen beide Athleten aus dem aus dem Uniper D.RUNNING Team den Halbmarathon. Esther in 68:38 Minuten und Hendrik in 64:04.

Unseren Bericht über den Uniper Düsseldorf Marathon mit fast 300 Bildern findest du hier.

Damit blieben beide zwar deutlich über ihren Bestleistungen von 61:28 Minuten (Hendrik) und 67:25 Minuten (Esther), aber auch Hendrik Pfeiffer zeigte sich mit seinem Sieg nur sechs Tage nach dem Boston-Marathon schnell wieder erholt. Er war am Mittwoch wieder in Deutschland gelandet. „Nach so einem Rennen wie in Boston brauche ich immer drei Tage ganz ohne Laufen, damit ich wieder schmerzfrei eine Treppe hinunter gehen kann“, meinte er. Dann ginge es aber schon wieder mit dem Dauerlauf. Dennoch war er in Düsseldorf vor dem Rennen nicht ganz sicher „ob die Oberschenkel einen Halbmarathon schon wieder durchhalten“.

Sie hielten, und er gewann sein Heimrennen. Trotz der so gezeigten Klasse ist er noch nicht sicher, wie die Saison für ihn weitergehen wird. Eigentlich ist der Marathon bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham am 16. August als Höhepunkt geplant. Zusammen mit dem WM-Zweiten und deutschen Rekordler Amanal Petros, dem EM-Titelverteidiger Richard Ringer, der in Boston mit 2:04:47 auf Rang acht gelaufen ist, und Samuel Fitwi könnte er ein deutsches Team bilden, das in der Mannschaftswertung nur schwer zu schlagen ist. Bei der Leichtathletik-EM können Marathonläufer auch als Team Medaillen gewinnen und Hendrik Pfeiffer wäre gern dabei.

„Aber ich weiß nicht, ob ich mir das leisten kann“, sagte er in Düsseldorf. Hintergrund: Der 33-Jährige ist auf seine Angehörigkeit zur Bundeswehr angewiesen, um den Hochleistungssport auf diesem Niveau auch mit dem Sold finanzieren zu können. Und um in den Genuss der Sportförderung durch das Militär zu kommen, gibt der Deutsche Leichtathletik-Verband Bedingungen vor. Für die Marathonläufer gilt: Platz acht bei der EM ist Pflicht. Alternativ reicht auch ein Marathon unter 2:07 Stunden. „„Auf dem Birmingham-Kurs ist so eine Zeit aufgrund der vielen Höhenmeter leider unrealistisch. In die Top Acht und so weit wie möglich nach vorn zu laufen, wäre natürlich mein Ziel, aber da müsste schon alles passen und das Glück mitspielen, da wir es mit einem äußerst starken Feld zu tun haben werden“, sagt Hendrik Pfeiffer, „die Wahrscheinlichkeit, bei einem flachen Herbstmarathon die 2:07 zu unterbieten ist ungleich höher als eine Top Acht-Platzierung bei der EM.“

Die EM laufen und dann im Fall der Fälle bei einem schnellen Herbstmarathon die Zeit unter 2:07 nachliefern? „Auch nicht machbar, weil der EM-Marathon erst Mitte August ist. Ich kann mich nur auf die EM oder einen frühen Herbstmarathon vorbereiten. Und die Norm für die Bundeswehr ist am 31. Oktober fällig“, erklärt Hendrik Pfeiffer. Deshalb hat er zusammen mit den Verantwortlichen beim DLV einen Alternativplan entwickelt: Platz 16 oder besser bei der EM und ein schneller Halbmarathon in 61:10 Minuten könnten auch für alle Marathonläufer reichen, um einen Kaderplatz zu sichern, mit dem sie sich – wenn gewünscht – auch von der Bundeswehr fördern lassen können.

„Der Vorschlag, der allen Top-Marathonläufern geholfen hätte, wurde jedoch vom DLV ohne Angaben von inhaltlichen Gründen abgelehnt und meine Nachfragen dazu werden bis heute konsequent ignoriert“, erklärt Hendrik Pfeiffer. Bleibt also abzuwarten, ob Hendrik Pfeiffer bei der EM für Deutschland laufen wird, oder ob der Start der Nummer vier aller Zeiten im deutschen Marathonlauf nicht zu Stande kommt.