Weniger Verletzungen durch einen neuen Laufschuh?

| Text: Christian Ermert | Fotos: Nike, Adobe Stock

Nach dem großen Erfolg der Vaporfly-Serie, die Läufer wissenschaftlich nachgewiesen schneller macht, versucht Nike jetzt etwas Ähnliches bei der Verletzungsprophylaxe: Der neu entwickelte Nike React Infinity soll seinen Teil dazu beitragen, dass Läufer weniger verletzt sind.

Die Trends kamen und gingen. Seit mehr als 30 Jahren entwickelt die Sportartikelindustrie mit immensem technischen Aufwand immer neue Laufschuhmodelle. Auf Bewegungskontrollschuhe, mit denen der Fuß in die optimale Abrollbewegung gezwungen werden sollte, folgten minimalistische Barfußschuhe. Dazwischen immer wieder neue Versuche, mit dem richtigen Schuhwerk dabei zu helfen, dass Läufer weniger verletzt sind.

Geholfen hat das alles nichts. Die Verletzungsquote unter Läufern ist laut mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen in den vergangenen Jahren unverändert. Es ist nicht gelungen, den Anteil an verletzten Läufern zu reduzieren.

Dabei sind Verletzungen des Bewegungsapparates die größte Sorge unter Läufern. Klar: Wer sich verbessern will, muss länger, schneller, öfter laufen. Aber dabei das richtige Maß zu finden, fällt den oft sehr ehrgeizigen Läufern schwer. Und weil sich das Herz-Kreislauf-System viel schneller an gesteigerte Belastungen anpasst als Knochen, Gelenke und Sehnen, sind Verletzungen vorprogrammiert, sobald Läufer die Belastung in zu kurzer Zeit zu sehr erhöhen.

Hier dürfte eine der Hauptursachen für die immer gleiche Verletzungsquote liegen. Der Anteil derer, die es nicht hinbekommen, das richtige, zu ihren Voraussetzungen passende Maß im Training zu finden, ist bei einer genügend großen Zahl von Menschen immer ähnlich hoch.

Der neue Nike React Infinity soll vor Verletzungen schützen

Und dennoch versucht der weltgrößte Sportartikelhersteller jetzt, mit einem neuen Schuhmodell seinen Beitrag zu leisten, damit weniger Sportler an typischen chronischen Laufverletzungen leiden. Der neue Nike React Infinity, der ab dem 30. Januar 2020 in Deutschland für 160 Euro erhältlich sein wird, wurde entwickelt, um beispielsweise Achillessehnenbeschwerden, Knieschmerzen, Schienbeinkantensyndrom oder Reizungen der Plantarfaszie unter der Fußsohle vorzubeugen.

Aber sogar bei Nike räumt man ein, dass dieser Schuh nur der erste Schritt sein kann auf dem Weg zu Laufschuhen, die wirklich dafür sorgen, dass weniger Läufer an Verletzungen leiden. Die Entwicklung der ersten Prototypen war sogar von für den Weltkonzern unüblichen Selbstzweifeln begleitet. „Zu sagen, wir wollen einen Schuh, der Verletzungen reduziert, klang uns zu riskant“, erinnert sich Nike-Designer Brett Holts, der für das Projekt verantwortlich ist.

Mut gemacht habe dann aber der Erfolg der Vaporfly-Serie, die entwickelt wurde, um den kenianischen Marathonweltrekordler Eliud Kipchoge bei dem in Wien zuletzt erfolgreichen Versuch zu unterstützen, den ersten Marathon unter zwei Stunden zu laufen. Mit diesem Schuh realisieren Läufer ihr Lauftempo mit vier Prozent weniger Kraftaufwand. Das haben mittlerweile mehrere wissenschaftliche Studien nachgewiesen. „Wir haben uns gefragt: Wenn es uns gelungen ist, einen Schuh zu entwickeln, der die Laufökonomie derart verbessert, warum soll es dann nicht gelingen, auch die Verletzungsprophylaxe mit einem Schuh zu optimieren?“, fragt Brett Holts.

Aber was ist eigentlich der Schlüssel zu einem Schuh, der das Entstehen typischer Läuferverletzungen verhindern kann? Bewegungskontroll- und Stabilschuhe, mit denen in den vergangenen Jahrzehnten versucht wurde, das Abrollverhalten von Läufern in Richtung eines normierten, „richtigen“ Bewegungsablaufes zu zwingen, können es wohl nicht sein – sonst hätte sich die Verletzungshäufigkeit ja bereits reduzieren müssen. Minimal- und Barfußlaufschuhe sind es wohl auch nicht. Als die so ungefähr zwischen 2006 und 2014 so richtig in Mode waren, ließ sich auch kein Rückgang der Verletzungen in der Gesamtheit der Läufer feststellen.

Bei Nike ist man überzeugt, dass die richtige Dämpfung das wichtigste Kriterium für einen gesunden Schuh ist. „Wir wollen Schuhe kreieren, die beim alltäglichen Laufen die perfekte Dämpfung und das nötige Maß an Stabilität und Unterstützung beim flüssigen Abrollen bieten“, fasst Jay Worobets zusammen, der bei Nike federführend in Sachen Laufschuhdämpfung ist. Er ist überzeugt davon, dass Nike mit seinem React-Schaum, der bereits länger in der Sohle des Epic React zum Einsatz kommt, das ideale Dämpfungsmaterial für diesen Zweck gefunden hat. Beim neuen React Infinity kommt 24 Prozent mehr davon zum Einsatz als beim Epic React.

„Er kann sehr weich sein und gibt dennoch viel Energie an den Läufer zurück. Es lässt sich aber auch in härteren Varianten einsetzen“, beschreibt er die Eigenschaften des Kunststoffschaums, der es ermöglicht, eine Zwischensohle mit der perfekten Kombination aus Dämpfung, Stabilität und Unterstützung des Abrollverhaltens aus nur einem Material herzustellen.

Der Aufbau dieser Sohle wurde bei Nike datengestützt entwickelt. Dafür wird zunächst ermittelt, wie sich der Druck beim Abrollen der meisten Läufer auf die unterschiedlichen Bereiche der Fußsohle verteilt. Auf der Basis dieser Messungen helfen Algorithmen dann beim Design der Laufschuhe, den Schaum da fester einzusetzen, wo aufgrund starker Belastungen mehr Stabilität gefordert ist. Und softer an Stellen, wo weiche Dämpfung gefragt ist. Unter dem Vorfuß ist das Material so gestaltet, dass es den Abdruck über das Großzehengelenk maximal unterstützt. Für den Läufer fühlt sich so ein Schuh dann komfortabel und gleichzeitig reaktiv an.

Seltener beim Arzt dank dem richtigen Schuh und gutem Training

Und es gibt Indizien dafür, dass Läufer, die mit dem Nike React Infinity laufen, wirklich weniger an Verletzungen leiden. Zumindest im Vergleich zu denen, die im aktuellen Stabilschuh von Nike, dem Zoom Structure 22, unterwegs sind. Eine von Nike beauftragte Studie der British Columbia Sports Medicine Research Foundation an der Uni im kanadischen Vancouver mit 226 Läufern, die in zwölf Wochen insgesamt 60.000 Kilometer gelaufen sind, hat ergeben, dass diejenigen, die den React Infinity getragen haben, eine um 52 Prozent niedrigere Verletzungsrate hatten als die Vergleichsgruppe im Stabilschuh.

„Das macht uns Mut, auch wenn wir natürlich wissen, dass dieser Schuh nur ein Schritt ist auf dem langen Weg zum Verstehen, wie eigentlich typische Läuferverletzungen entstehen und welchen Anteil Laufschuhe an deren Vermeidung haben können“, sagt Jay Worobets – vergisst aber nicht, darauf hinzuweisen, dass das Vermeiden von Verletzungen zwar auch mit Schuhen, aber doch viel mehr mit dem Training und dem Verhalten der Läufer zu tun hat.

„Deshalb wollen wir nicht nur den Schuh verkaufen, sondern mit ihm den Läufern auch Wissen vermitteln, wie sich durch richtiges Lauftraining zusammen mit anderen Work-outs Verletzungen vermeiden lassen. Und das gilt für Läufer auf jedem Leistungsniveau. Verletzungen stören ja nicht nur das Training für einen Marathon, sondern treten auch oft bei Menschen auf, die gerade ihre ersten Laufschritte machen.“ Und wir Läufer müssen sicher zum Großteil auch etwas vernünftiger laufen und trainieren, wenn unsere Verletzungsquote künftig tatsächlich sinken soll.

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