Esther Pfeiffer hat in Berlin ein Ziel, das seit 18 Jahren unangetastet ist: Sie will den deutschen Marathonrekord von Irina Mikitenko brechen. Gleichzeitig könnte Tigst Assefa auf derselben Strecke den Weltrekord zurückerobern. Zwei Rekordjagden, zwei völlig unterschiedliche Geschichten – und eine Stadt, die weiß, wie man Laufgeschichte schreibt. Und die Bedingungen könnten kaum besser sein. Für 8:45 Uhr, wenn die Eliterennen in Berlin gestartet werden, sind 13 Grad und kaum Wind vorhergesagt. Und gut zwei Stunden später wird nur eine Steigerung auf 17 Grad erwartet. Das Rennen wird am Sonntagmorgen ab 8:00 Uhr live auf RTL im TV übertragen.
Alle Infos auf 286 Seiten im Magazin zum BMW Berlin-Marathon
Mehr als 84.000 Teilnehmende aus 162 Nationen – so viele wie nie zuvor – werden am Wochenende bei den verschiedenen Veranstaltungen des BMW Berlin-Marathon erwartet. Das vielfältige Programm reicht von den Nachwuchswettbewerben und dem Generali 5K am Samstag bis zum Höhepunkt des Wochenendes am Sonntag: dem BMW Berlin-Marathon mit mehr 56.000 Teilnehmenden aus aller Welt. „Wir freuen uns auf dieses vielfältige Feld, das die ganze Bandbreite unseres Sports zeigt. Menschen ganz unterschiedlichen Alters und aus aller Welt kommen hier zusammen und machen den BMW Berlin-Marathon zu einem großen internationalen völkerverbindenden Sportgroßereignis“, sagt Jürgen Lock, CEO von Organisator SCC Events. Alle Infos dazu findest du im digitalen und kostenlosen Event-Magazin. Auf 286 Seiten gibt’s die spannendsten Geschichten und schönsten Bilder rund um den BMW BERLIN-MARATHON 2026. Das macht richtig Lust auf Laufen – egal, in welchem der Rennen du am Marathon-Wochenende in der Hauptstadt startest, ob du zuschaust oder anfeuerst.
Es ist eine dieser Zahlen, die im deutschen Marathon tief verankert sind: 2:19:19 Stunden. Irina Mikitenko lief sie vor 18 Jahren beim BMW BERLIN-MARATHON. Es war der Tag, an dem eine deutsche Läuferin erstmals die 2:20-Stunden-Marke unterbot. Seitdem hat niemand diese Bestmarke erreicht.
Am Sonntag soll sich das ändern. Esther Pfeiffer startet in Berlin, um eine Grenze anzugreifen, die lange unangreifbar schien. Die 29-Jährige von Düsseldorf Athletics wird erst ihren zweiten Marathon laufen. Doch sie kommt nicht, um Erfahrungen zu sammeln. Sie kommt, um Rekordtempo zu laufen. „Ich habe mir viel vorgenommen. Ich werde auf den deutschen Rekord anlaufen“, sagt Pfeiffer. Mehr Ansage geht kaum.
Mit dem eigenen Mann als Pacer und Trainingsvorbild
Als Pfeiffer vor drei Jahren in Köln erstmals 42,195 Kilometer lief, war sie noch eine andere Marathonläuferin. 2:37:00 Stunden standen damals zu Buche – verbunden mit dem deutschen Meistertitel. Seitdem hat sich ihre Karriere rasant entwickelt. 30:45 Minuten über zehn Kilometer, 67:25 Minuten im Halbmarathon. Auf beiden Distanzen unter den Top Drei aller Zeiten in Deutschland: Pfeiffer hat sich auf den kürzeren Straßenstrecken in Bereiche vorgearbeitet, die einen Angriff auf Mikitenkos Rekord zumindest realistisch erscheinen lassen. Vor allem der Blick zurück macht die Geschichte interessant. Irina Mikitenko lief vor ihrem Berliner Rekord über zehn Kilometer 30:57 Minuten und im Halbmarathon 68:51. Pfeiffer ist inzwischen auf beiden Distanzen schneller.
Aber zwischen einem schnellen Halbmarathon und 42,195 Kilometern liegt eine Welt. Pfeiffer weiß das. Deshalb hat sie ihre Vorbereitung grundlegend verändert. Mehr Umfang, längere Qualitätseinheiten, Wochen mit mehr als 200 Kilometern auf hohem Niveau. Das ist perfekt gelaufen“, ist Esther Pfeiffer vor dem Rennen sehr optimistisch. Und dazu ein Mann an ihrer Seite, der den Marathon kennt wie kaum jemand: ihr Ehemann Hendrik Pfeiffer, der schon seit zehn Jahren die 42,195 Kilometer auf höchstem Niveau läuft.
Er will am Sonntag nicht nur dabei sein. Er will seine Frau über die gesamte Distanz pacen. Und das, obwohl er in zwei Wochen in Chicago selbst auf Bestzeitenjagd über 42,195 Kilometer gehen wird. Er will dort, die vom Deutschen Leichtathletik-Verband DLV geforderte Kadernorm von 2:07 Stunden unterbieten, um weiterhin als Spitzensportler von der Bundeswehr gefördert zu werden.
Der Termin am Sonntag in Berlin passt auch perfekt zu ihrem monatlichen Zyklus, wie Esther Pfeiffer betont. „Ich bin jeden Monat die ersten zwei Wochen nach der Periode sehr leistungsfähig, dann fällt es oft ab. Als Frau muss man das einfach einplanen. Ich folge meinem persönlichen Rhythmus und will nicht hormonell eingreifen. Meine Gesundheit geht immer vor.“
Auch der Berliner Renndirektor traut ihr den Rekord zu: „Ich bewundere, dass sie mit diesem Mut in das Rennen geht. Vielleicht ist es aber genau richtig, mit so einem so hohen Ziel ins Rennen zu gehen. Der deutsche Rekord würde mich nicht überraschen.“
In einer Gruppe mit Europameisterin Alisa Vainio und Manon Trapp aus Frankreich
Die Organisatoren haben dafür gesorgt, dass Esther Pfeiffer in einer Frauen-Gruppe laufen kann, die genau das Tempo anschlagen wird, das auf eine Zielzeit von unter 2:20:00 hinausläuft. Eine solche Zeit strebt neben der Deutschen auch die finnische Europameisterin Alisa Vainio (PB 2:20:39), die trotz des kurzen Zeitabstandes zum EM-Rennen in Birmingham vom 16. August in Berlin startet. In ähnliche Bereiche möchte auch die Französin Manon Trapp vorstoßen, deren Bestzeit bisher bei 2:23:38 Stunden steht.
Ebenso wie die Europameisterin wagt auch Laura Hottenrott (Düsseldorf Athletics) den Start bei einem zweiten Marathon nur sechs Wochen nach dem EM-Rennen. In Birmingham erreichte die 34-Jährige, die eine Bestzeit von 2:24:32 aufweist, als beste deutsche Läuferin Platz 16. Mit Kristina Hendel (Marathon Team Berlin/2:27:29) startet eine Athletin, die über Jahren hinweg immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Eine Newcomerin ist Anna Langerwisch (Marathon Team Berlin/2:32:13). Der 25-Jährigen gelang der Sprung aus dem Hobbybereich in den Leistungssport. Sie könnte sich am Sonntag auf eine Zeit von unter 2:30:00 verbessern.
Für eine Zeit unter 2:20 Stunden muss Pfeiffer im Schnitt knapp 3:19 Minuten pro Kilometer laufen. Das ist ein Tempo, das über einzelne Kilometer beinahe spielerisch aussehen kann – und über 42 Kilometer zu einer brutalen Prüfung wird.
Irina Mikitenko traut Esther Pfeiffer den Rekord zu
Eine, die genau weiß, was diese Marke bedeutet, wird das Rennen in Berlin verfolgen - auch weil ihre Tochter Vanessa (Foto rechts) am Samstag beim Berliner R5K-Finale um den Gesamtsieg in der Nachwuchsserie läuft: Irina Mikitenko selbst traut Pfeiffer den Angriff zu. „Ich weiß, was sie trainiert hat. Sie kann es schaffen.“ Es ist ein bemerkenswertes Duell über die Zeit hinweg. Hier die Rekordhalterin, deren Marke seit 2008 allen Angriffen standhält. Dort die Läuferin, die damals gerade einmal elf Jahre alt war und nun versucht, genau diese Zahl aus den Rekordlisten zu streichen.
Pfeiffer könnte damit nicht nur deutsche Marathon-Geschichte schreiben. Sie würde sich mit einem Schlag an die Spitze einer Generation setzen, die auf den Straßen gerade immer schneller wird. Und sie weiß: Ein Rekordversuch braucht Mut. Berlins Renndirektor traut ihr diesen Mut ausdrücklich zu. „Ich bewundere, dass sie mit diesem Mut in das Rennen geht“, sagt er. „Der deutsche Rekord würde mich nicht überraschen.“
Tigst Assefa spricht nicht vom Weltrekord, möglich ist der dennoch
Während Pfeiffer in ihrer Gruppe dahinter um die deutsche Bestmarke kämpfen wird, spielt sich ganz vorne eine noch größere Rekordgeschichte ab. Tigst Assefa will in Berlin den Marathon-Weltrekord zurück. Vor drei Jahren machte die Äthiopierin auf genau dieser Strecke etwas, das damals kaum vorstellbar schien. 2:11:53 Stunden – Weltrekord und bis heute Berliner Streckenrekord.
Inzwischen ist die Welt noch schneller geworden. Der Weltrekord steht bei 2:09:56 Stunden. Aufgestellt in Chicago von der aktuell wegen Dopings gesperrten Ruth Chepngetich aus Kenia. Assefa müsste ihre eigene Bestzeit also um fast zwei Minuten verbessern, um die globale Bestmarke zurückzuholen. Sie spricht vorsichtig darüber. Als bei der Pressekonferenz das Wort „Weltrekord“ fällt, lächelt sie. Anschließend sagt sie, sie freue sich auf die schnelle Berliner Strecke, sei sehr gut vorbereitet und wolle ihre Bestzeit verbessern. Mehr muss sie eigentlich nicht sagen. Denn Berlin ist der Ort, an dem solche Sätze plötzlich Wirklichkeit werden können.
13 Weltrekorde wurden in der Geschichte des Rennens bereits aufgestellt. Kein anderer Marathon hat so viele globale Bestmarken hervorgebracht. Und auch diesmal ist das Frauenfeld außergewöhnlich stark. Sieben Läuferinnen stehen mit Bestzeiten von unter 2:20 Stunden auf der Startliste, 13 mit Zeiten unter 2:22. Vorjahressiegerin Rosemary Wanjiru will ihre 2:16:14 verbessern und erstmals unter 2:15 laufen. Dazu kommen die Äthiopierinnen Bedatu Hirpa, Dera Dida und Zeineba Yimer.
Offenes Rennen bei den Männern zwischen Selemon Barega, Gabriel Geay und Guye Adola
Bei den Männern ist der Kampf um den Sieg beim BMW Berlin-Marathon so offen wie selten. Nach der verletzungsbedingten Absage von Weltrekordler Sabastian Sawe gibt es mindestens ein halbes Dutzend Kandidaten für den Sieg. Sawe wird als Ehrengast nach Berlin kommen. Eine Jagd auf die Zwei-Stunden-Marke ist damit zwar kein Thema, dennoch dürfte das Rennen extrem schnell werden. Sogar der Streckenrekord von Eliud Kipchoge (2:01:09 Stunden) aus dem Jahr 2022 könnte wackeln.
„Ich erwarte ein spannendes Rennen und wir liebäugeln mit dem Streckenrekord. Das Tempo wird auf eine 2:01er-Zeit hinauslaufen“, sagt Race-Direktor Mark Milde. Fünf Läufer auf der Startliste haben Bestzeiten von unter 2:05 Stunden, insgesamt 26 Athleten sind bereits schneller als 2:08 gelaufen.
Schnellster Starter ist Gabriel Geay. Der 29-jährige Tansanier lief 2:03:00 Stunden und steht damit auf Platz 17 der ewigen Weltbestenliste. Nach seinem Ausstieg im vergangenen Jahr will er nun erneut angreifen: „Ich bin in guter Form und hoffe auf eine sehr gute Zeit.“
Zum Favoritenkreis zählen auch mehrere Äthiopier. Guye Adola gewann Berlin bereits 2021 und kommt mit einer starken Saisonbestzeit von 2:03:54. Auch Selemon Barega – Olympiasieger von 2021 über 10.000 Meter auf der Bahn, Getaneh Molla (2:03:34) und Shura Kitata (2:03:59) sind Kandidaten für ein Spitzenresultat. Dazu kommen gleich elf Japaner mit Bestzeiten zwischen rund 2:06 und 2:08. Die starke Gruppe könnte den japanischen Rekord von 2:04:55 ins Visier nehmen.
Deutsche Hoffnungen: Bienenfeld, Welday und Hendel
Auch die deutschen Läufer wollen in der Weltklasse-Gruppe mitmischen. Sebastian Hendel, der 2022 mit 2:07:33 seine Bestzeit aufstellte, geht nach Verletzungsproblemen zurückhaltend ins Rennen. Haftom Welday kommt mit einer Bestzeit von 2:08:13 nach Berlin. Und Aaron Bienenfeld könnte für eine Überraschung sorgen: Bei seinem Marathon-Debüt lief er in Hamburg 2:08:47 – so schnell war zuvor kein deutscher Läufer bei seinem ersten Marathon. Nach drei Monaten Höhentraining in Flagstaff will er nun den nächsten Schritt in Richtung 2:06 bis 2:08 Stunden machen.
Mehr Infos zu den deutschen Athleten im Männerrennen findest du im Event-Magazin zum BMW Berlin-Marathon 2026.