EM in Birmingham
Amanal Petros & Co auf Medaillenjagd: Am Wochenende viele Chancen auf Gold, Silber und Bronze
Es ist jetzt schon eine grandiose EM fürs Laufen. Am Wochenende kann es noch besser werden. Mit jeder Menge Medaillenchancen im Marathon, über 1500 Meter und 3000 Meter Hindernis.
Was war das bisher schon für eine fantastische Leichtathletik-EM für Deutschlands Läuferinnen und Läufer: Erst das Sensationssilber von Florian Bremm über 5000 Meter gleich am ersten Tag der Europameisterschaften in Birmingham. Und dann der gestrige Abend mit einem denkwürdigen Finale über 3000 Meter Hindernis, in dem sich Gesa Krause mit ihrem dritten EM-Titel selbst ein Denkmal setzte, Olivia Gürth mit Bronze ihre erste internationale Medaille gewann und Lea Meyer ihre Medaillenchance mit einem Sturz in den Wassergraben zunichte machte – sie wurde wie bereits 2023 bei der WM in Eugene zur tragischen Figur im deutschen Team und sorgte mit dem anschließenden Interview für Schlagzeilen. Mehr dazu hier.
Marathon: Drei Deutsche können vom Podium träumen
Aber an den letzten beiden EM-Tagen kann es am Wochenende noch besser laufen. Mit Amanal Petros, Richard Ringer und Samuel Fitwi treten gleich drei deutsche Medaillenkandidaten am Sonntagmorgen im Marathon an. Über 1500 Meter gehört Robert Farken am Samstag zu den Titelkandidaten. Und über 3000 Meter Hindernis haben Karl Bebendorf und Frederic Ruppert am Sonntagabend die Chance auf das erste deutsche EM-Gold auf dieser Strecke seit 1998. Wir haben uns vorab alle Lauf-Disziplinen mit deutschen Medaillenchancen genau angeschaut.
Eine derart gute Ausgangsposition hat es für deutsche Marathonläufer bei einer internationalen Meisterschaft wohl selten gegeben. Gleich drei DLV-Athleten stehen mit Bestzeiten unter 2:05 Stunden in der erweiterten europäischen Spitze: Amanal Petros (Hannover 96), Samuel Fitwi (Silvesterlauf Trier) und Richard Ringer (LC Rehlingen).
Richard Ringer kann Triumph von 2022 wiederholen
Angeführt wird das deutsche Team vom WM-Zweiten Amanal Petros. Mit seinem deutschen Rekord von 2:04:03 Stunden steht der 31-Jährige sogar an der Spitze der Meldeliste. Nachdem er bei der WM 2025 in Tokio die Goldmedaille nur hauchdünn verpasst hatte, soll in Birmingham nun der erste große internationale Einzeltitel folgen. Seine 2:08:31 Stunden vom London-Marathon in diesem Frühjahr geben dabei kaum Aufschluss über seine tatsächliche Form: Petros hatte das Rennen in der zweiten Hälfte nicht mehr voll durchgezogen. „We are ready“, schrieb Amanal Petros kürzlich auf Instagram.
Dass neben Amanal Petros auch Richard Ringer und Samuel Fittwi zu den Goldkandidaten zählen, liegt allerdings auch daran, dass einige der schnellsten Europäer fehlen. Europarekordler Bashir Abdi aus Belgien und der Franzose Morhad Amdouni sind ebenso wenig dabei wie der italienische Straßenlauf-Europameister Iliass Aouani.
Umso größer sind die deutschen Möglichkeiten. Samuel Fitwi verbesserte sich im Frühjahr beim Hamburg-Marathon auf 2:04:45 Stunden und hat das Podium klar als Ziel ausgegeben. Auch Richard Ringer dürfte mit viel Selbstvertrauen antreten. Der inzwischen 37-Jährige sorgte 2022 in München mit seinem spektakulären Schlussspurt für einen der großen Momente der Heim-EM. Im April steigerte er sich auf der anspruchsvollen Strecke des Boston-Marathons auf 2:04:47 Stunden.
Gerade diese Leistung könnte für Birmingham ein gutes Zeichen sein. Denn die EM wird nicht auf einem schnellen Stadtkurs entschieden. Die Athleten müssen einen hügeligen Rundkurs achtmal bewältigen, insgesamt kommen rund 600 Höhenmeter zusammen. Das dürfte das Rennen schwer berechenbar machen. Immerhin verspricht die Wetterprognose mit Temperaturen von etwa 14 bis 18 Grad vergleichsweise gute Marathonbedingungen.
Zu den stärksten Gegnern des deutschen Trios zählen Kaan Kigen Özbilen aus der Türkei (2:04:16), der Israeli Maru Teferi (2:04:44), EM-Zweiter von 2022, sowie der Franzose Emmanuel Roudolff und der Brite Mahamed Mahamed.
Neben den Einzelmedaillen geht es um den Mannschaftstitel. Hier ist Deutschland mit seinem Sechser-Team favorisiert. Zusätzlich zu Petros, Fitwi und Ringer starten Simon Boch (Düsseldorf Athletics), der Deutsche Meister Tom Thurley (Munich Athletics) und Erik Hille (Munich Athletics), der für den verletzten Hendrik Pfeiffer ins Team rückte. Gewertet werden die drei besten Läufer einer Nation. Nach Silber bei der EM 2022 ist dieses Mal Gold möglich. Als stärkste Konkurrenten gelten Israel und Großbritannien.
Der Männer-Marathon startet am Sonntag um 8.10 Uhr Ortszeit, also um 9.10 Uhr MESZ.
Frauen-Marathon: Königstein führt deutsches Team an
40 Minuten vor den Männern gehen am Sonntag die Marathonläuferinnen auf denselben anspruchsvollen Kurs. Die ursprünglich vielleicht größte deutsche Medaillenhoffnung fehlt allerdings: Domenika Mayer musste nach einer Operation an der Achillessehne ihren EM-Start absagen.
Damit rückt Fabienne Königstein (Hannover 96) in den Mittelpunkt. Ihre Bestzeit von 2:22:17 Stunden, gelaufen beim Berlin-Marathon 2025, bringt sie in der Meldeliste weit nach vorne. In diesem Frühjahr bestätigte sie ihre Form beim Hannover-Marathon in 2:24:31 Stunden.
Eine interessante deutsche Kandidatin ist zudem Laura Hottenrott (Düsseldorf Athletics). Die Vize-Europameisterin im Berglauf, die zuletzt auf einen starken zehnten Platz über 31 Kilometer beim Trailrunning-Klassiker Sierre Zinal in der Schweiz lief, könnte von ihren Stärken auf profilierten Strecken profitieren. Komplettiert wird das deutsche Team von Nina Reuter, Katharina Saathoff und Tabea Themann.
Im Mannschaftswettbewerb geht Deutschland als Titelverteidiger an den Start. Die Aufgabe wird jedoch schwer: Besonders Spanien verfügt über ein starkes und ausgeglichenes Team mit fünf Läuferinnen, deren Bestzeiten allesamt unter 2:25 Stunden liegen. Auch Gastgeber Großbritannien dürfte in der Teamwertung eine Rolle spielen.
Favoritin auf den Einzeltitel ist Alisa Vainio. Die Finnin führt mit 2:20:39 Stunden die europäische Jahresbestenliste an, nachdem sie im Februar in Sevilla Landesrekord gelaufen war. Schon bei der WM 2025 in Tokio hatte sie als Fünfte und beste Europäerin überzeugt. Zu beachten sind außerdem die Spanierinnen um Laura Luengo und Fatima Azzahraa Ouhaddou Nafie, die Italienerin Rebeca Lonedo, Titelverteidigerin Aleksandra Lisowska aus Polen sowie die routinierte Irin Fionnuala McCormack.
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3000 Meter Hindernis: Ruppert und Bebendorf mit Titelchancen
Über 3.000 Meter Hindernis bietet sich den deutschen Läufern bei der Leichtathletik-EM in Birmingham eine außergewöhnliche Chance: Frederik Ruppert, Karl Bebendorf und Niklas Buchholz stehen geschlossen im Finale am Sonntag – und besonders Ruppert und Bebendorf gehen als heiße Medaillenkandidaten ins Rennen.
Die Ausgangslage könnte kaum besser sein. Europarekordler Frederik Ruppert (LAV Stadtwerke Tübingen) führt mit 7:57,80 Minuten die europäische Jahresbestenliste an. Im Mai durchbrach er als erster Europäer die Acht-Minuten-Marke. Direkt dahinter folgt Karl Bebendorf (Dresdner SC) mit 8:05,55 Minuten. Der siebenmalige Deutsche Meister hat seine starke Form zuletzt erneut bestätigt. Mit WM-Finalist Niklas Buchholz (Franconia Athletics; 8:15,27) besitzt Deutschland sogar ein drittes heißes Eisen im Kampf um die vorderen Plätze.
In den Vorläufen am Freitag ließ das DLV-Trio nichts anbrennen. Ruppert und Buchholz erreichten im ersten Rennen als Dritter und Fünfter sicher das Finale. Ruppert konnte dabei lange Kräfte sparen. „Die letzten Programme liefen sehr gut, darum gehe ich zuversichtlich ins Finale“, sagte er anschließend und formulierte sein Ziel klar: „Ich möchte gern eine Medaille gewinnen.“
Auch Bebendorf qualifizierte sich im zweiten Vorlauf souverän als Sechster. Keiner der drei Deutschen musste dabei bereits ans Limit gehen. „Jeder von uns drei deutschen Läufern will im Finale das Optimum herausholen“, sagte Bebendorf. „Der Bessere soll gewinnen.“
Die internationale Konkurrenz ist allerdings stark. Allen voran der Spanier Daniel Arce, der mit 8:34,47 Minuten die schnellste Vorlaufzeit erzielte, sowie der Franzose Nicolas-Marie Daru und Ruben Querinjean aus Luxemburg zählen zu den Herausforderern. Und Titelverteidiger Alexis Miellet aus Frankreich hat bereits bewiesen, dass er bei Meisterschaften zur Stelle sein kann.
Dennoch könnte am Sonntag eine lange Durststrecke enden: Der bislang letzte deutsche EM-Titel über 3.000 Meter Hindernis liegt 28 Jahre zurück. 1998 gewann Damian Kallabis in Budapest. Nun haben gleich drei Deutsche die Chance, wieder für eine EM-Medaille zu sorgen – und zwei von ihnen starten als Europas Nummer eins und zwei ins Finale.
1.500 Meter: Große Chance für Robert Farken
Über 1.500 Meter eröffnet sich für Robert Farken (SG Motor Gohlis-Nord Leipzig) eine interessante Gelegenheit. Zwei der prominentesten europäischen Mittelstreckler fehlen: Meilen-Weltrekordler Josh Kerr konzentriert sich auf die Commonwealth Games, Titelverteidiger Jakob Ingebrigtsen belässt es nach seiner Verletzungspause in Birmingham beim Titelgewinn über 5.000 Meter.
Damit gehört Farken zum engsten Kreis der Medaillenkandidaten. Der deutsche Rekordhalter reist mit einer Saisonbestzeit von 3:30,09 Minuten als Nummer drei der Meldeliste an. Schneller waren 2026 von den gemeldeten Athleten lediglich der Franzose Azzedine Habz (3:29,80) und der Brite Jake Wightman (3:29,95). Auch Weltmeister Isaac Nader aus Portugal ist zu beachten. Zweiter deutscher Starter ist Marc Tortell (Athletics Team Karben).
Gerade ein Meisterschaftsfinale über 1.500 Meter folgt jedoch selten allein der Papierform. Taktik, Positionierung und die Entscheidung auf den letzten 300 Metern können wichtiger werden als Saisonbestzeiten. Für Farken bietet sich damit eine echte Chance auf seine erste große Freiluftmedaille.
10.000 Meter: Lisa Merkel mit Außenseiterchance
Über 10.000 Meter der Frauen ist die Ausgangslage deutlich schwerer einzuschätzen. Auf dem Papier liegt Lisa Merkel (LAV Stadtwerke Tübingen) mit ihren 31:32,25 Minuten weit vorne in der Meldeliste. Die Zeit stammt allerdings bereits von Ende März, und einige der stärksten Konkurrentinnen haben in diesem Jahr noch gar kein Bahnrennen über 10.000 Meter absolviert.
Dazu gehören Titelverteidigerin Nadia Battocletti aus Italien und die Slowenin Klara Lukan. Letztere hat mit 29:51 Minuten über zehn Kilometer auf der Straße bereits ihre außergewöhnliche Klasse gezeigt. Stark einzuschätzen sind außerdem Maureen Koster aus den Niederlanden, die mit 30:50,31 Minuten die europäische Jahresbestenliste anführt, sowie die Belgierinnen Jana van Lent, Chloé Herbiet und Lisa Rooms.
Merkel, vor zwei Jahren bereits EM-Neunte, besitzt dennoch die Möglichkeit, sich weiter nach vorne zu orientieren. Mit Eva Dieterich steht eine zweite Läuferin der LAV Stadtwerke Tübingen an der Startlinie.