3:42,66 Minuten über die Meile
Weltrekord mit Wunderspikes: Wie Josh Kerr „König“ Hicham El Guerrouj entthronte
Der schottische Mittelstreckenläufer Josh Kerr ist der schnellste Mensch der Geschichte über die Meile. In 3:42,66 Minuten holte der 28-Jährige den Weltrekord zurück nach Großbritannien.
Es war ein historisches Rennen mit Ansage: Im Rahmen des Diamond-League-Meetings in London vollendete Josh Kerr sein „Project 222“. Der Name bezieht sich auf die Zahl der Sekunden, die nötig waren, um die Weltrekordzeit von 3:43,13 Minuten zu unterbieten. Marokkos Mittelstrecken-König Hicham El Guerrouj hatte diese Bestmarke 1999 im Stadio Olimpico in Rom aufgestellt. Damals wie heute war der Weltrekord das erklärte Ziel. El Guerrouj hatte vor 27 Jahren den jungen Kenianer Noah Ngeny im Nacken, der den Marokkaner zur damaligen Bestzeit trieb.
Anders als bei so vielen Weltrekord-Versuchen, überlegte Josh Kerr nicht aufgrund einer guten Form, mit ein paar Wochen Vorlauf, den Rekord anzugreifen. Nein, der Vorsatz entstand schon im September 2025. Genauer gesagt zwei Tage nach dem WM-Finale über 1500 Meter von Tokio. Dort war Kerr als Titelverteidiger im Endlauf eineinhalb Runden vor Schluss umgeknickt und kam als Letzter ins Ziel. Der Frust war groß. „Am übernächsten Morgen saßen wir beim Frühstück, mein Manager, mein Trainer – und dann sagte ich, dass ich den Meilen-Weltrekord brechen will.“
„Project 222“: Starkes Team, starkes Mindset
Aus der Idee wurde ein Plan. Und der Plan sah vor, nichts dem Zufall zu überlassen. Denn Kerr wusste ganz genau, welche Qualität El Guerroujs Bestmarke hat. Seine eigene Bestzeit zu diesem Zeitpunkt: 3:45,34 Minuten. Der Name für das Projekt war schnell gefunden. Denn Kerr musste für den Weltrekord seine eigene Bestzeit um mindestens 2,22 Sekunden verbessern. Und er wollte der erste Mensch werden, der die Meile (1609,43 Meter) in 222 Sekunden zurücklegt.
Das „Project 222“ nahm Formen an und es war klar, dass Teamleistung gefragt ist. Kerr, der in Seattle mit seiner Familie lebt, schloss sich bereits 2018 dem Brooks Beasts Track Club an. Brooks Running wurde sein Ausrüster und ist es bis heute. Hier fand er den Support, den es brauchte, um den Weltrekord zu brechen. Starke Athleten an seiner Seite, seinen Coach Danny Mackey und auch einen Mental-Coach, dessen Leistung Kerr mehr als einmal würdigte. Vor allem das Mindset unterscheidet Josh Kerr von vielen anderen Athleten. „Manchmal sehe ich mich als Rugby-Spieler – in dem Sinne, dass ich mit dem Kopf durch die Wand will.“
Von Schottland zum Brooks Beasts Track Club in den USA
Sein Bruder und Vater waren Rugby-Profis, seine Mutter Physiotherapeutin. Der sportliche Background und das große Kämpferherz wurde Josh in die Wiege gelegt. Er wuchs im schottischen Edinburgh auf. Sein Lauftalent wurde erkannt und ihn zog es zur Leichtathletik. Nach nationalen Erfolgen gewann er 2015 Gold bei den Junioren-Europameisterschaften über 1500 Meter.
Schon zuvor verfolgte er das Ziel, an ein US-College zu wechseln. Nach einigen Absagen meldete sich die University of New Mexico. Mit 17 Jahren zog er einen Monat nach seinem Junioren-EM-Erfolg von Schottland in die USA um. Dass er bis heute dort lebt, war zunächst nicht der Plan. „Ich habe das beste Team, das man sich vorstellen kann“, sagte Kerr wenige Stunden nach seinem Weltrekord-Triumph. „Sie haben es mir heute leicht gemacht. Natürlich steckt sehr viel harte Arbeit hinter so einem Rekord, aber heute bin ich einfach nur mitgeschwommen.“
In London von Beginn an auf Weltrekord-Kurs
Kerrs Teamkollege bei den Brooks Beasts, der US-Amerikaner Brannon Kidder, sowie der Slowene Zan Rudolf waren als Tempomacher im Rennen. Mit Zwischenzeiten von 54,75 über 400 Meter Sekunden und 1:50,63 Minuten über 800 Meter legten sie das ideale Tempo vor. Rund 600 Meter vor dem Ziel war Kerr auf sich alleine gestellt, hatte aber den starken US-Amerikaner Yared Nuguse und noch den Deutschen Robert Farken im Nacken. Als die Uhr an der 1200-Meter-Marke eine Zeit von 2:46,39 Minuten anzeigte war klar: Kerr ist auf Rekordkurs. 27 Jahre zuvor hatte Hicham El Guerrouj „nur“ eine Zwischenzeit von 2:47,91 Minuten.
Allerdings war die letzte Runde von El Guerrouj brillant. Das wusste auch Kerr. Er zog durch, lief die letzte Runde zwar etwas langsamer als El Guerrouj, aber blieb letztlich klar unter dem alten Weltrekord. „Ich dachte, dass es sogar noch schneller gehen könnte. Aber so ist es in Ordnung.“ Der 28-jährige Kerr, der über 1500 Meter 2023 den Weltmeistertitel, 2021 die olympische Bronze und 2024 die olympische Silbermedaille gewann, hatte sich akribisch auf dieses Rennen vorbereitet, da 2026 weder Weltmeisterschaften noch Olympische Spiele stattfinden.
Die Weltrekord-Spikes: Zwölf Prozent mehr Leistung dank Brooks' Hyperion 222
Ein wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zum Weltrekord war das für ihn entwickelte Equipment. Brooks unterstützte das „Project 222“ mit einem speziell entwickelten Rennanzug und einem individuell für Kerr konstruierten Spike. Beide Produkte waren exakt auf seine Anforderungen sowie auf die Belastungen von Viertelmeilen-Abschnitten in jeweils rund 55 Sekunden abgestimmt – dem erforderlichen Weltrekordtempo.
Nur acht Monate brauchte Brooks Running, um den Schuh speziell für seinen Top-Athleten zu entwickeln. Ein Rennschuh, der nicht nur leicht (ca. 100 Gramm), sondern vor allem extrem responsive ist. „Der spezielle Schaum, die auf Josh Kerr zugeschnittene Geometrie mit einem ausgeprägten Rocker und die hohe Steifigkeit für ein hohes gleichmäßiges Tempo machen den Schuh so besonders“, erklärte Carson Caprara, Chief Product Officer bei Brooks Running in London. Messungen zufolge soll Kerr durch den individuell abgestimmten Spike einen Vorteil von unglaublichen zwölf Prozent haben. Der Schuh wurde für ein schnelles und gleichmäßiges Rennen im Weltrekordtempo entwickelt.
Er ist eine „Waffe“, mit der Josh Kerr vier Runden lang bei einem sehr hohen Tempo und einer sehr hohen Schrittfrequenz laufen kann. Da Kerr vergleichsweise schwer ist, größere Füße besitzt und mehr Kraft über die Beine erzeugen kann, wurde die Carbonfaserplatte auf maximale Steifigkeit ausgelegt. Auch die fest verbaute Titanstifte des Models „Hyperion 222“ sind in handelsüblichen Spikes nicht erhältlich. Der speziell für Kerr entwickelte Brooks-Spike wurde Anfang Juli vom Weltverband World Athletics für den Wettkampf zugelassen.
Auch der Rennanzug wurde speziell für das warme Londoner Juliwetter entwickelt. Er bestand aus zwei unterschiedlichen Materialien, um Aerodynamik und Atmungsaktivität miteinander zu verbinden. Lasergeschnittene Öffnungen sollten Wärme und Feuchtigkeit entweichen lassen. Hinzu kamen möglichst wenige Nähte sowie feuchtigkeitsableitende Einsätze.
Eine britische Domäne: Zehnter Meilen-Weltrekord für Läufer von der Insel
Ein enormer Aufwand, der sich gelohnt hat, um ein Stück Sportgeschichte zu schreiben. Die Meile ist in Großbritannien nicht irgendeine Disziplin. Sie gehörte über Jahrzehnte den legendären britischen „Milern“ um Sebastian Coe, Steve Ovett und zuletzt Steve Cram.
Obwohl die 1500 Meter in der Leichtathletik die stärker standardisierte Disziplin sind, besitzt die Meile eine einzigartige historische Bedeutung. Der britische Amateurläufer Roger Bannister durchbrach 1954 als erster Mensch die Vier-Minuten-Marke über die Meile. Im August 1981 wechselte der Weltrekord innerhalb von nur zehn Tagen mehrfach zwischen den britischen Olympiarivalen Sebastian Coe und Steve Ovett.
Josh Kerrs britischer Vorgänger ist jetzt Chef des Weltverbandes: Sebastian Coe
Von Coes 3:49-Minuten-Lauf im Juli 1979 in Oslo bis zu Steve Crams 3:46,32 Minuten im Jahr 1985 befand sich der Weltrekord über 14 Jahre hinweg ununterbrochen in britischem Besitz. Coe, heute Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics, gratulierte Josh Kerr in London persönlich. Kerrs Weltrekord war der zehnte eines britischen Läufers seit 1913. Vielleicht Kerrs größte Leistung: Mit der Ankündigung des „Project 222“ im März 2026 wurde der Druck enorm. Er hat nie versucht, seine Ambitionen zu verstecken. Er hat viele Menschen in der Vorbereitung mitgenommen. Und am Ende hat er dem riesigen Druck standgehalten.
„Ich wollte das nicht im Stillen tun, denn ich finde, dass dieser Rekord viel Respekt und Aufmerksamkeit verdient. Ich habe ein fantastisches Team und großartige Menschen um mich herum. Ich wollte von Beginn an mein Ziel ehrlich kommunizieren und damit einen besonderen Moment für die Leichtathletik schaffen.“ Das ist ihm gelungen. Und er ist noch nicht satt. „Ich denke, dass ich auch den Weltrekord über 1500 Meter in den Beinen habe, aber ich darf jetzt nicht gierig werden. Es muss gut vorbereitet sein.“ Josh Kerr hat noch einiges vor.