Amanal Petros, Samuel Fitwi und Richard Ringer stehen am Sonntag beim 43. Mainova Frankfurt Marathon gemeinsam an der Startlinie. Das schnellste deutsche Marathon-Trio aller Zeiten könnte für einen historischen Moment sorgen. Doch Regen und Sturm bedrohen die Rekordjagd. Spannung versprechen auch das Debüt von Blanka Dörfel und der Abschied von Renndirektor Jo Schindler.
Sie sind Freunde, Rivalen und seit Jahren gegenseitige Antreiber. Im August gewannen Amanal Petros, Samuel Fitwi und Richard Ringer bei der EM in Birmingham gemeinsam Silber in der Marathon-Teamwertung. Nun treffen die drei schnellsten deutschen Marathonläufer der Geschichte in Frankfurt aufeinander. Und plötzlich scheint sogar der Europarekord greifbar.
In jedem Fall ist der 43. Mainova Frankfurt Marathon bereit für ein Laufevent der Rekorde. Mit 19.720 Läuferinnen und Läufern werden mehr Menschen als je zuvor in Frankfurt über die 42,195-Kilometer-Distanz an den Start gehen. Inklusive aller Rahmenwettbewerbe erwarten die Veranstalter die Rekordzahl von 32.828 Teilnehmenden aus 128 Nationen. Das Rennen wird am Sonntag ab 9:55 Uhr im hr-Fernsehen und im Livestream auf frankfurt-marathon.com übertragen.
Amanal Petros träumt vom Europarekord
Amanal Petros (Hannover 96) reist als frischgebackener Marathon-Europameister und deutscher Rekordhalter an den Main. Seine 2:04:03 Stunden aus Valencia liegen nur 27 Sekunden über dem Europarekord des Belgiers Bashir Abdi (2:03:36). Sollte Petros diese Marke knacken, wäre zugleich der Frankfurter Streckenrekord von Wilson Kipsang aus dem Jahr 2011 (2:03:42) Geschichte. „Ich träume schon seit einigen Jahren davon, den Europarekord zu brechen“, sagt Petros. Die Vorbereitung in Kenia sei sehr gut verlaufen. „Wenn das Wetter passt, dann kann es passieren.“
Doch Samuel Fitwi (Silvesterlauf Trier) will nicht bloß Begleiter einer Rekordjagd sein. Als Zweiter des Hamburg-Marathons verbesserte er sich im April auf 2:04:45 Stunden und hält damit die deutsche Jahresbestzeit. „Der deutsche Rekord ist auf der flachen Strecke in Frankfurt möglich. Ich bin gut vorbereitet und möchte auf jeden Fall meine persönliche Bestzeit unterbieten“, kündigt er an.
Richard Ringer (LC Rehlingen), Marathon-Europameister von 2022, ist der dritte Mann in diesem außergewöhnlichen Triell. Seine offizielle Bestzeit steht bei 2:05:46 Stunden; im Frühjahr lief er auf der nicht rekordkonformen Bostoner Strecke 2:04:47. Nach muskulären Problemen im Anschluss an die EM will er etwas vorsichtiger beginnen und sich zunächst einer zweiten Gruppe anschließen. „Ich habe bei der Vorbereitung auf Frankfurt dann alles auf eine Karte gesetzt und es hat funktioniert“, sagt Ringer.
Die Rivalität hat eine besondere Note. „Wir drei sind nicht nur Konkurrenz, sondern seit vielen Jahren befreundet. Wir pushen uns gegenseitig, und wir haben uns lieb“, erzählt Petros. Am Sonntag könnten sich die Freunde gegenseitig zu einer historischen Leistung treiben.
Der größte Gegner könnte das Wetter werden
Allerdings droht die Wettervorhersage den Traum vom Rekordrennen zu durchkreuzen. Für Sonntagmorgen sind Regen und stürmische Bedingungen angekündigt. Starker Wind kostet auf Marathon-Niveau wertvolle Sekunden, Nässe erschwert die Tempohatz zusätzlich. Beruhigt sich das Wetter rechtzeitig, bietet der flache Frankfurter Kurs beste Voraussetzungen. Bleibt es ungemütlich, dürften Renntaktik und Widerstandskraft wichtiger werden als die Jagd nach Bestzeiten. Und in Frankfurt war es Ende Oktober schon oft nass und stürmisch ...
Auch die internationale Konkurrenz wird sich nicht kampflos geschlagen geben. Der Äthiopier Andualem Belay (2:04:44) und der kenianische Frankfurt-Sieger von 2024, Benard Biwott (2:05:25), wollen vorne mitmischen. Vier Männer mit Bestzeiten unter 2:05 Stunden machen das Spitzenfeld so stark wie nie zuvor.
Blanka Dörfel: Ohne Uhr ins Marathon-Abenteuer
Während die Männer um Rekorde kämpfen, beginnt für Blanka Dörfel (Berlin Athletics CC) ein neues Kapitel. Die 24-Jährige gibt ihr Marathon-Debüt – und könnte dabei gleich für eine Überraschung sorgen. Nach ihrem deutschen Meistertitel über 10.000 Meter steigerte sie im Frühjahr ihre Halbmarathon-Bestzeit in Mainz auf 68:06 Minuten. Zum Vergleich: Die schnellste Marathon-Debützeit einer Deutschen steht bei 2:23:57 Stunden, gelaufen von Melat Kejeta 2019 in Berlin.
Dörfel bereitete sich rund zweieinhalb Monate im Höhentraining in Boulder (USA) vor. „Das Training lief erstaunlich gut. Es war meine beste Vorbereitung auf ein Rennen bisher“, sagt sie. Trotzdem will sie sich nicht von Zwischenzeiten treiben lassen. „Ich werde ohne Uhr laufen, das mache ich auch im Training.“ Stattdessen vertraut sie auf ihr Gefühl: „Laufen macht Spaß, es ist ein Gefühl von Freiheit und Groove.“ Künftig will Dörfel verstärkt auf den Marathon setzen und in die deutsche und europäische Spitze vorstoßen.
Im internationalen Frauenfeld führt Zeineba Yimer (Äthiopien/2:18:47) die Startliste an. Sie nimmt den Streckenrekord von 2:17:25 Stunden ins Visier. Auch Betsy Saina (USA/2:19:17) und Marion Kibor (Kenia/2:21:12) wollen schnell laufen. Der 50-jährige Kenianer Mark Kiptoo jagt unterdessen die Altersklassen-Weltbestzeit von 2:19:29 Stunden.
Jo Schindler: Abschied von seiner großen Bühne
Unabhängig von den Ergebnissen wird dieser Sonntag für Jo Schindler unvergesslich. Nach 25 Jahren verabschiedet er sich als Renndirektor des Frankfurt-Marathons. In dieser Zeit entwickelte er das Rennen zu einem internationalen Top-Event – und gab ihm mit dem spektakulären Zieleinlauf über den roten Teppich in die Festhalle ein unverwechselbares Gesicht.
Zum Abschied präsentiert sich die Veranstaltung größer denn je: 19.720 Marathon-Anmeldungen bedeuten Rekord, einschließlich der Rahmenwettbewerbe werden 32.828 Teilnehmende aus 128 Nationen erwartet. „Wir empfangen unsere Läufer am roten Teppich wie die großen Stars“, sagt Schindler. „Ich habe die Veranstaltung immer als Mischung aus Weltklassemarathon und großem Breitensportereignis gesehen.“
„Die Vorfreude überwiegt gegenüber der Wehmut“, sagt der scheidende Renndirektor, der die Verantwortung anschließend an Holger Kranz übergibt. Wenn am Sonntag die ersten Finisher in die Festhalle einlaufen, endet auch für ihn eine Ära. Vielleicht mit einem Europarekord. Ganz sicher aber mit großen Emotionen.