#gemeinsammehrbewegen-Preis 2026
Careleaver: Laufende Unterstützung für den Solostart ins Erwachsenenleben

| von Leon Weidner (Text) | Fotos: privat

Wenn junge Menschen aus Wohngruppen und Pflegefamilien 18 werden, stehen viele plötzlich ohne Unterstützung da. Der Careleaver e.V. will das ändern.

Der #gemeinsammehrbewegen-Preis geht in die nächste Runde. Wir suchen zum fünften Mal in Kooperation mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und DATEV Initiativen, die zeigen, wie Laufen das eigene Leben und das von anderen verbessert. Ein Kandidat für den mit 1000 Euro dotierten Preis: der Careleaver e.V. mit seinem Benefizlauf „Lass Laufen“.

Den Anstoß für den Verein gab ein Forschungsprojekt der Universität Hildesheim, bei dem 2012 zum ersten Mal Careleaver aus ganz Deutschland zusammenkamen. Careleaver sind Menschen, die einen Teil ihres Lebens in der stationären Kinder- und Jugendhilfe verbracht haben, also etwa in einer Wohngruppe oder einer Pflegefamilie, und von dort aus in ein eigenständiges Leben starten. Die Teilnehmenden merkten schnell, wie ähnlich ihre Erfahrungen waren. 2014 gründeten sie den Careleaver e.V., damit aus dem Treffen ein dauerhaftes Netzwerk wird. Heute hat der Verein rund 250 Mitglieder und Regionalgruppen in Berlin, München, NRW, Hessen, Stuttgart, Hannover und Rheinland-Pfalz. Der Vorstand besteht ausschließlich aus Careleavern und arbeitet ehrenamtlich. Unterstützt wird er von einem kleinen hauptamtlichen Team mit einer Koordinierungsstelle in Leipzig. Seit 2021 ruft der Verein jedes Jahr im Oktober zum Benefizlauf „Lass Laufen“ auf.

So wird der #gemeinsammehrbewegen-Preis vergeben

Wir finden: Der Careleaver e.V. ist ein guter Kandidat für den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis, den der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) und laufen.de unterstützt von DATEV in diesem Jahr vergeben. Und so läuft die Aktion:

  • Initiativen bewerben sich
  • unsere Jury* wählt zehn Initiativen aus
  • ausgewählte Initiativen werden auf laufen.de und den angeschlossenen Social Media-Kanälen groß vorgestellt (Reportage, Bilder, Videos)
  • im November startet die Wahl
  • die laufen.de-Community stimmt ab, welche der zehn Initiativen den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis erhalten soll
  • die Initiative mit den meisten Stimmen wird zur großen Laufgala nach Leverkusen eingeladen und erhält dort am 27. November den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis 2026
  • die Gala veranstaltet laufen.de gemeinsam mit German Road Races, der Vereinigung der großen Laufveranstaltungen im deutschsprachigen Raum
  • bei der Veranstaltung werden auch die deutschen Profiläuferinnen und -läufer des Jahres geehrt

*) Unsere Jury besteht aus folgenden Redaktionsmitgliedern von laufen.de, den beim DLV fürs Hobbylaufen Zuständigen und einem DATEV-Vertreter:

  • Dr. Kristin Behrens (DLV-Vorständin Verbandsentwicklung)
  • Christian Ermert (Chefredakteur laufen.de)
  • Norbert Hensen (Geschäftsführer laufen.de)
  • Petra Pillipp (Head of Brand Communication DATEV)

#gemeinsammehrbewegen: Das ist die Geschichte des Careleaver e.V.

Die Kinder am Straßenrand in Berlin waren völlig aus dem Häuschen. „Dinos!“, riefen manche, andere standen einfach mit offenem Mund da. Ein paar Läufer blieben kurz stehen und brüllten fast wie ein echter Dinosaurier zurück. Am 11. Oktober gingen Careleaver beim Berliner Morgenpost Great 10K in Berlin an den Start, in orangefarbenen „Lass Laufen“-Shirts und in Dino-Kostümen, auf den Bannern das Motto: „Gegen eine Jugendhilfe aus der Steinzeit“. Hunderte Zuschauer applaudierten, lachten und feuerten an. „Viele haben uns gefilmt und die Videos auf Social Media gestellt, ohne zu wissen, wer wir sind“, erzählt Martin Pfeil, der beim Verein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Einige dieser Videos gingen viral.

Am selben Wochenende waren die Dinos auch beim Walking Day des Westenergie-Marathons am Essener Baldeneysee und beim Mainuferlauf in Offenbach dabei. In Essen gab es Dauerregen und starken Wind, trotzdem schauten an Start und Ziel alle zu ihnen herüber. Kinder wollten die Dinos streicheln, Erwachsene fragten, wofür sie laufen. „So kommt man ganz leicht über Careleaver ins Gespräch“, sagt Martin Pfeil. „Wenn man im Dino-Kostüm angewatschelt kommt und einen Flyer hinhält, kann man einfach viel besser auf sich aufmerksam machen.“

Mit 18 auf sich allein gestellt

Die Geschichte, um die es geht, kennen in Deutschland erstaunlich wenige Menschen. 2024 lebten rund 221.500 junge Menschen zumindest zeitweise in betreuten Wohnformen oder Pflegefamilien. Wie viele jedes Jahr die Jugendhilfe verlassen, wird nicht offiziell erfasst. Schätzungen gehen von rund 30.000 aus. „Die größte Herausforderung ist das Tempo“, sagt Martin, der selbst Careleaver ist. Gleichaltrige ziehen im Schnitt mit 24 Jahren bei ihren Eltern aus und können zurück, wenn es nicht klappt. Bei vielen Careleavern endet die Unterstützung dagegen rund um den 18. Geburtstag. Ab dann sollen sie eine Wohnung finden, Anträge beim Jobcenter oder BAföG-Amt stellen und eine Ausbildung oder ein Studium finanzieren. „Oft fehlt außerdem jemand, den man einfach anrufen kann, wenn die Waschmaschine kaputt ist oder man den Mietvertrag nicht versteht.“ Dabei bringen Careleaver viel mit, betont er. Viele haben früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen. „Was ihnen fehlt, ist ein Netz, das sie auffängt.“

Ein Marathon ohne Verpflegungsstationen

Auf der Lauf-Seite des Vereins steht als erster Satz: „Careleaver brauchen einen langen Atem.“ Für Martin ist das mehr als ein Wortspiel. „Der Weg ins Erwachsenenleben ist eine Langstrecke. Careleaver müssen nur früher starten als andere und laufen oft ohne Begleitung.“ Wer Marathon läuft, kenne das: Es gibt Verpflegungsstationen und Menschen am Rand, die anfeuern, und wenn man einbricht, ist jemand da. „Gleichaltrige haben so etwas meistens ganz selbstverständlich. Eltern überweisen mal Geld, helfen beim Umzug oder hören einfach zu. Für viele Careleaver fallen diese Stationen mit 18 weg.“

Der Verein will deshalb die Menschen am Streckenrand sein und manchmal auch der Coach. In Workshops lernen Careleaver, wie man eine Steuererklärung macht, die eigenen Finanzen im Blick behält oder sich um die Gesundheit kümmert. „Das ist das Training, das andere zu Hause mitbekommen.“ Für den Sport gilt das genauso. „Wenn dich als Kind nie jemand zum Fußballverein gebracht oder mit zum Laufen genommen hat, fängst du später oft gar nicht erst an.“ Laufen sei da ein guter Einstieg: Es kostet nichts, geht überall und tut Körper und Kopf gut.

Aus einer Finanzierungslücke wird ein Lauf

„Lass Laufen“ entstand in einer schwierigen Zeit für den Verein. Die erste hauptamtliche Stelle, eine halbe Stelle, hatte eine Stiftung für ein Jahr finanziert, danach lief die Förderung aus. Eine andere Stiftung hätte geholfen, allerdings mit sehr genauen Vorgaben. Darauf ließ sich der Verein bewusst nicht ein. Stattdessen wurde der damalige Vorstand kreativ. Ein Benefizlauf sollte Spenden bringen und vor allem den Begriff Careleaver bekannter machen.

Im Namen „Lass Laufen“ stecken für den Verein gleich drei Bedeutungen. Erstens: Lass uns zusammen laufen, jeder dort, wo er wohnt, und trotzdem gemeinsam. Zweitens: jemanden laufen lassen, denn wer spendet, schickt eine Läuferin oder einen Läufer für den guten Zweck auf die Strecke, zum Beispiel mit einem festen Betrag pro Kilometer. Und drittens ganz umgangssprachlich: Lass laufen, leg einfach los. Wie viel das bedeuten kann, zeigt ein Satz, den eine Teilnehmerin dem Verein einmal geschrieben hat: „Ich engagiere mich beim Benefizlauf, weil ich selbst vor mittlerweile gut 30 Jahren eine solche Initiative gut hätte brauchen können. Aber damals kannte ich noch nicht einmal den Begriff Careleaver.“

Mitmachen können alle, egal wo sie  wohnen, wie fit sie sind oder wie viel Zeit sie haben. Der ganze Oktober ist Lauf- und Spendenmonat, und es zählt jede Form von Bewegung: Joggen, Gehen, Nordic Walking oder auch mit Rollstuhl oder Gehhilfe. In den ersten Jahren liefen vor allem Careleaver selbst mit. In diesem Jahr, der sechsten Auflage, sind es über 100 Teilnehmende und mehr als zwölf Teams, darunter Fachkräfte aus der Jugendhilfe und viele Privatpersonen. So viele waren es noch nie. Wer nicht selbst laufen möchte, kann eine Läuferin oder einen Läufer sponsern. „Das hilft vor allem denen, die kein großes Netzwerk haben, das für sie spendet“, sagt Martin.

Nichts über uns ohne uns

Das Geld fließt in eine Arbeit, die auf Gemeinschaft, Unterstützung und politische Interessenvertretung setzt. In der WhatsApp-Community des Vereins tauschen sich über 300 Careleaver aus ganz Deutschland täglich aus, auch die Idee im Dino-Kostüm zu laufen ist dort entstanden. Bei Netzwerktreffen kommen rund 20 Careleaver für ein Wochenende zusammen. In diesem Jahr gab es zum ersten Mal ein eigenes Careleaver-Festival. Und über Weihnachten lädt der Verein zum Treffen „Keine:r bleibt allein“ ein, denn die Feiertage sind für viele Careleaver die schwierigste Zeit des Jahres.

Wenn es akut brennt, springt der Notfallfonds ein, der sich komplett aus Spenden finanziert. Er hilft etwa, wenn für die erste Wohnung die Matratze fehlt, die Brille kaputtgeht oder das BAföG noch nicht da ist und kein Geld mehr für Lebensmittel bleibt. Über die Anträge entscheiden ehrenamtliche Careleaver mit, innerhalb weniger Tage, und niemand muss etwas zurückzahlen. 2025 bekamen so 19 junge Menschen Hilfe, mit Beträgen zwischen 48 und knapp 1.300 Euro.

Auch in der Politik spricht der Verein nicht über Careleaver, sondern als Careleaver. Er schreibt Stellungnahmen zu Gesetzentwürfen und war bei der Kinderkommission und bei einem Hearing im Bundestag zu Gast. Dass sich das lohnt, zeigt ein Beispiel: Lange mussten junge Menschen in der stationären Jugendhilfe einen großen Teil ihres eigenen Einkommens an das Jugendamt abgeben, sogar vom ersten Ausbildungsgehalt. Careleaver haben jahrelang dagegen gekämpft, seit 2023 ist diese sogenannte Kostenheranziehung abgeschafft.

Gegen eine Jugendhilfe aus der Steinzeit

Der Slogan auf den Bannern der Dinos kam ebenfalls aus der Community, mit einem Augenzwinkern, denn in der Steinzeit gab es natürlich gar keine Dinosaurier. „Ein Dino fällt auf, bringt Leute zum Lachen und steht für etwas, das eigentlich längst ausgestorben sein sollte“, sagt Martin Pfeil. Gemeint ist eine Jugendhilfepolitik, die aus Sicht des Vereins rückwärts läuft. Seit einigen Jahren haben junge Menschen auch nach dem 18. Geburtstag Anspruch auf Hilfe, wenn sie sie brauchen. Dazu gehört die sogenannte Nachbetreuung. Wer mit 19 in die erste eigene Wohnung zieht und drei Monate später einen Brief vom Jobcenter nicht versteht, kann sich noch an die frühere Betreuerin oder das Jugendamt wenden.

Bund und Länder haben im Juni beschlossen, diese Regelungen im kommenden Jahr nach einer Auswertung zu überprüfen. Der Verein befürchtet, dass sie dann aus Kostengründen zurückgefahren werden. „Für uns ist das, als würde man bei einem Marathon nach Kilometer 18 die Verpflegungsstationen abbauen.“

Die Dinos kommen wieder

Die Idee für die Dino-Läufe entstand erst etwa vier Wochen vor dem Start. Martin schrieb die Veranstalter an und stieß überall auf offene Ohren. Alle drei stellten Charity-Startplätze zur Verfügung. Bei der Auswahl waren dem Verein kurze Strecken wichtig, weil viele wenig Lauferfahrung haben, außerdem viel Publikum und gut erreichbare Orte, denn Reisen kostet Geld, das viele Careleaver nicht haben. Eine zweite Auflage ist fest eingeplant, mit mehr Vorlauf und mehr Veranstaltungen, vielleicht auch in München. Die Botschaft an alle Laufbegeisterten: „Wir sind das bundesweite Netzwerk von Careleavern für Careleaver“, sagt Martin Pfeil, „er mit uns läuft, sorgt dafür, dass es auch bei denen läuft, die mit 18 plötzlich allein an der Startlinie stehen.“