#gemeinsammehrbewegen-Preis 2026
Runite: 95 Kilometer laufen für die schwer erkrankte Tochter

| von Leon Weidner (Text) & Christian Frumolt (Fotos)

Was als Kilometer-Duell zweier Freunde begann, ist heute ein Charity Run mit großem Ziel. Marc Allocca läuft für seine Tochter, die mit dem Prader-Willi-Syndrom lebt, und für alle Familien, die diese Erkrankung aus Erfahrung kennen.

Der #gemeinsammehrbewegen-Preis geht in die nächste Runde. Wir suchen zum fünften Mal in Kooperation mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und DATEV Initiativen, die zeigen, wie Laufen das eigene Leben und das von anderen verbessert. Ein Kandidat für den mit 1000 Euro dotierten Preis: Runite, der PWS Charity Run für Menschen mit dem Prader-Willi-Syndrom.

Angefangen hat alles mit zwei Freunden, die sich gegenseitig ihre gelaufenen Kilometer bezahlen wollten. Zwei Jahre später laufen Marc Allocca und sein Kindergartenfreund Gerd Schmidle in zwei Tagen 95 Kilometer bis vor die Tür der Augsburger Klinik, in der Marc Alloccas Tochter behandelt wird. Wie aus einem kleinen Duell auf Instagram eine Spendenaktion mit dem Ziel von 25.000 Euro wurde und warum am Ende trotzdem jeder einzelne Euro zählt, erzählt diese Geschichte.

So wird der #gemeinsammehrbewegen-Preis vergeben

Wir finden: Runite ist ein guter Kandidat für den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis, den der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) und laufen.de unterstützt von DATEV in diesem Jahr vergeben. Und so läuft die Aktion:

  • Initiativen bewerben sich
  • unsere Jury* wählt zehn Initiativen aus
  • ausgewählte Initiativen werden auf laufen.de und den angeschlossenen Social Media-Kanälen groß vorgestellt (Reportage, Bilder, Videos)
  • im November startet die Wahl
  • die laufen.de-Community stimmt ab, welche der zehn Initiativen den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis erhalten soll
  • die Initiative mit den meisten Stimmen wird zur großen Laufgala nach Leverkusen eingeladen und erhält dort am 27. November den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis 2026
  • die Gala veranstaltet laufen.de gemeinsam mit German Road Races, der Vereinigung der großen Laufveranstaltungen im deutschsprachigen Raum
  • bei der Veranstaltung werden auch die deutschen Profiläuferinnen und -läufer des Jahres geehrt

*) Unsere Jury besteht aus folgenden Redaktionsmitgliedern von laufen.de, den beim DLV fürs Hobbylaufen Zuständigen und einem DATEV-Vertreter:

  • Dr. Kristin Behrens (DLV-Vorständin Verbandsentwicklung)
  • Christian Ermert (Chefredakteur laufen.de)
  • Norbert Hensen (Geschäftsführer laufen.de)
  • Petra Pillipp (Head of Brand Communication DATEV)

#gemeinsammehrbewegen: Die ganze Story von Runite

Das Prader-Willi-Syndrom, kurz PWS, gehört zu den seltenen Erkrankungen. Betroffen ist etwa eines von 15.000 bis 30.000 Neugeborenen. Ursache ist eine Veränderung auf dem väterlichen Chromosom 15. „Wenn ein Kind mit Prader-Willi-Syndrom auf die Welt kommt, hat es kaum Körperspannung und sehr wenig Kraft. Schon das Trinken ist eine große Herausforderung“, erklärt Marc Allocca. Im Laufe der Zeit dreht sich das ins Gegenteil. Das Hauptmerkmal von PWS: Die Betroffenen haben kein Sättigungsgefühl. „Es ist immer der Drang da, etwas essen zu wollen.“

Seine Tochter kam mit dem Syndrom zur Welt. Außerdem ist sie im Autismus-Spektrum und hatte eine stark ausgeprägte Skoliose. Ihr Alltag braucht vor allem eines: eine feste Struktur. Frühstück gibt es um 6 Uhr, eine Zwischenmahlzeit um 9 Uhr, Mittagessen um 12 Uhr, am Nachmittag eine weitere Zwischenmahlzeit und um 18 Uhr Abendessen. „Das Wichtigste für jemanden mit PWS ist immer die nächste Mahlzeit. Die muss gesichert sein“, sagt der Vater. Ein spontanes „Schauen wir mal, wo wir in der Stadt etwas essen“ bedeutet für seine Tochter enormen Stress.

Essen ist überall

Zu Hause lässt sich dieser Rhythmus gut einhalten. Schwieriger wird es, sobald die Familie das Haus verlässt. „Erst wenn man das Thema in der Familie hat, sieht man, wie oft man mit Essen konfrontiert wird“, sagt Marc Allocca. Im Freibad packt jemand einen Snack aus, am Kiosk gibt es Süßes, sonntags wartet bei Oma und Opa der Kuchen. Fast jedes soziale Treffen dreht sich ums Essen oder Trinken. Hinzu kommt, dass der Körper von Menschen mit PWS Nahrung anders verwertet. Eine normale Mahlzeit belastet sie deutlich stärker.

Aus einem Duell unter Freunden wird Runite

Familie Allocca ist Mitglied der Prader-Willi-Syndrom Vereinigung Deutschland e.V. Vor zwei Jahren rief der Verein einen digitalen Spendenlauf aus, nach dem Prinzip, das viele vom Sponsorenlauf in der Schule kennen. Marc Allocca machte seinem besten Freund Gerd einen Vorschlag: „Ich zahle jeden Kilometer, den du im Oktober läufst.“ Gerd zog mit. Was dann passierte, beschreibt Marc Allocca mit einem Lachen: „Wie das bei zwei Männern, die im Kopf ab und zu noch Jungs sind, so ist: Die Spende war wichtig. Aber am Ende war mindestens genauso wichtig, wer mehr Kilometer hat.“

Die beiden stachelten sich gegenseitig mit Videos auf Instagram an, trugen ihr kleines „Battle" in der Öffentlichkeit aus. Im ersten Jahr kamen so 400 Euro zusammen. Im zweiten Jahr holten sie Freunde, Familie und einige Firmen dazu, am Ende standen 5.500 Euro auf dem Konto des Vereins. „Dann haben wir uns gefragt: Wenn wir mit so geringem Aufwand – wir müssen ja nur laufen – 5.500 Euro zusammenbekommen, was passiert, wenn wir mehr daraus machen?“, erzählt Marc Allocca. So entstand Runite, ein Wortspiel aus „Run“ und „Unite“. Das Ziel für 2026: 25.000 Euro.

Mitmachen kann jede und jeder, und zwar überall. Im Oktober sammelten die Teilnehmenden Kilometer und spenden entweder selbst einen Betrag pro Kilometer oder suchen sich jemanden, der sie unterstützt. Aber nicht nur laufen können Spenden gesammelt werden: Auch Walken, Wandern, Radfahren, Schwimmen oder Rollstuhlfahren zählt.

Warum das Geld an genau diesen Verein geht

Dass alle Spenden an die Prader-Willi-Syndrom Vereinigung gehen, hat für Marc Allocca einen einfachen Grund. „Eine Eigenschaft von einer seltenen Erkrankung ist, dass sie selten ist“, sagt er. Anders als etwa bei Diabetes gibt es im eigenen Umfeld kaum jemanden, den man fragen kann. Der Verein bringt Familien zusammen und ermöglicht den Austausch von Erfahrungen. „Dazu kommen konkrete Angebote: Junge Familien können einen Workshop bei PWS-Spezialistin Dr. Constanze Lämmer vom Prader-Willi-Zentrum am Josefinum in Augsburg besuchen, zu dem auch ein Kochkurs gehört. Außerdem organisiert der Verein Wochenenden für Väter und Kinder."

Der Verein unterstützt außerdem die Forschung und kümmert sich um Fragen, die viele Familien erst später beschäftigen. Etwa wenn ein Kind 18 wird und von zu Hause auszieht. „Ein Kind mit Prader-Willi-Syndrom kann in aller Regel kein komplett eigenständiges Leben führen“, erklärt Marc Allocca. „Für den kompletten Lebenszyklus, von der Geburt an, hat der Verein irgendetwas, womit er unterstützen kann. Und wenn es nur ein Kontakt für eine Beratung ist.“

95 Kilometer, einfach mal so angekündigt

In diesem Jahr sollte es ein echtes Highlight geben. Marc Allocca hatte schnell eine Idee: „Augsburg, da ist die Klinik, wo unsere Tochter immer ist. Lass uns doch dahinlaufen.“ Eine kurze Suche im Internet ergab rund 80 Kilometer. Was genau das bedeutet, prüften die beiden erst später. Da hatten sie es allerdings schon weitererzählt. „Die Aktion war publik, bevor wir wussten, auf was wir uns da einlassen“, sagt Marc Allocca. „Gerd hat nicht schnell genug Nein gesagt.“

Dabei waren beide vorher nie mehr als 30 Kilometer am Stück gelaufen. Gerd Schmidle ist sportlich vielseitig unterwegs und macht unter anderem Hyrox. Marc Allocca ging bis dahin nur ab und zu laufen, in den ersten beiden Jahren meist so schnell wie möglich und dann wieder nach Hause. In der Vorbereitung auf den Oktober wurden die beiden zu regelmäßigen Läufern. „Wir haben gesagt, das müssen wir jetzt mit ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit angehen, damit wir uns nicht komplett blamieren“, erinnert sich Marc Allocca mit einem Lächeln. Ob sie es schaffen würden, wussten sie bis zuletzt nicht. Am Ende wurden es 95 Kilometer, verteilt auf zwei Tage: 55 Kilometer am ersten, 40 am zweiten. „Ganz schön knackig“, denkt Marc Allocca rückblickend.

Tränen auf den letzten zehn Kilometern

Ab Kilometer 35 machten ihm die Knie zu schaffen. Zum Glück war eine befreundete Physiotherapeutin dabei, die am ersten Tag mitlief und am zweiten Tag auf dem Rad begleitete. Sie konnte ihm erklären, dass die Schmerzen von Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur kamen, und behandelte ihn an jeder Verpflegungsstation. „Es war sehr hilfreich zu wissen, was gerade in meinem Körper passiert und warum es schmerzt“, sagt Marc Allocca. Ein angenehmer Laufpartner sei er auf dem Mittelstück trotzdem nicht gewesen: „Meine Laune war stellenweise echt schlecht.“

Aufgeben war allerdings keine Option. In Augsburg wartete die Klinik mit einem Aktionstag auf die beiden. Im Foyer stand ein Laufband, auf dem Kilometer gesammelt wurden, die Familien der beiden Läufer waren gekommen, ebenso die Vorstandsvorsitzende der Prader-Willi-Syndrom Vereinigung, Inga Koenen. „Es war klar: Wir müssen da ankommen“, sagt Marc Allocca.

Zehn Kilometer vor dem Ziel saß plötzlich ihr Freund und Fotograf Christian Frumolt mit seinem großen Objektiv in einer Seitenstraße. „Das war für mich der Aha-Moment, wo ich wirklich kapiert habe, was hier passiert“, erzählt Marc Allocca. „Da habe ich realisiert: Jetzt ist es nicht mehr weit.“ Die Tränen liefen, und die Beine plötzlich auch. Die letzten zehn Kilometer waren die schnellsten der ganzen Strecke.

Jeder Meter zählt, jeder Euro auch

Wo Runite am Ende landet, kann Marc Allocca schwer einschätzen. Das Ziel von 25.000 Euro hätten sie „genauso blauäugig gesetzt“ wie den Lauf nach Augsburg, sagt er. Viele Spenden kommen von Unternehmen und Menschen, die der Familie nahestehen, häufig mit Beträgen ab 100 Euro aufwärts. Einige Firmen sammeln gerade noch mit ihren Mitarbeitenden Kilometer und stocken den Betrag am Ende auf. „Die Gefühlslage, ob wir es schaffen oder nicht, ist sehr volatil“, gibt Marc Allocca zu.

Dabei ist ihm eine Botschaft besonders wichtig: „Die fünf Euro sind genauso wichtig wie die großen Beträge.“ Überwältigt ist er von der Hilfsbereitschaft, die ihm begegnet. Nur ein oder zwei Absagen habe er kassiert. Oft bekam er stattdessen neue Kontakte vermittelt. So machte etwa SPIEGEL-Bestseller-Autor Christian Wehner nicht nur selbst mit, sondern brachte ihn mit weiteren Unterstützern zusammen. Und auch im eigenen Ort hat sich die Aktion herumgesprochen.

Ein Lauf für mehr Verständnis

Dass ausgerechnet das Laufen im Mittelpunkt steht, ist für Marc Allocca kein Zufall. „Zum Laufen brauchst du nicht viel. Ein paar Schuhe, eine kurze Hose, und ich kann zur Haustür raus und loslegen“, sagt er. Gerade für pflegende Familien sei das die einfachste Möglichkeit, schnell und effektiv Sport zu treiben. Für die Zukunft wünscht er sich, dass Runite zur festen Größe wird: Im Freundes- und Bekanntenkreis soll klar sein, dass im Oktober für PWS gelaufen wird.

Für seine Tochter und andere Betroffene hofft Marc Allocca vor allem auf mehr Verständnis. „Wir sind als pflegende Familie oft mit Vorurteilen konfrontiert“, erklärt er. Was in der einen Familie funktioniere, müsse nicht auch bei ihnen klappen. Kinder mit Behinderung dürfe man nicht über einen Kamm scheren: „Die Bandbreite ist genauso groß wie bei gesunden Kindern.“

Und dann ist da noch der Stolz. „Unsere Tochter hat uns die Augen geöffnet. Wir sind komplett andere Menschen seitdem, weil wir offener durchs Leben gehen“, sagt Marc Allocca. Im Januar wurde ihre Wirbelsäule in einer großen Operation begradigt. „Ich hatte riesigen Bammel davor. Unsere Tochter gar nicht“, erzählt er. Nach kürzester Zeit lief sie wieder. „Diese Stärke, die sie bei all den Herausforderungen hat, ist wirklich Wahnsinn.“