Der #gemeinsammehrbewegen-Preis geht in die nächste Runde. Wir suchen zum fünften Mal in Kooperation mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und DATEV Initiativen, die zeigen, wie Laufen das eigene Leben und das von anderen verbessert. Ein Kandidat für den mit 1000 Euro dotierten Preis: Laufen gegen Depressionen, der Lauftreff in Frankfurt ganz ohne Leistungsdruck.
Seit August 2021 treffen sich in Frankfurt jeden Dienstagabend Menschen, die an Depressionen erkrankt sind oder als Angehörige damit zu tun haben, um gemeinsam zu laufen. Eine Anmeldung ist nicht nötig, eine Verpflichtung gibt es nicht, und wer mal einige Wochen lang fehlt, muss sich nicht erklären. Gelaufen wird so, dass alle mitkommen. Für viele Teilnehmende ist dieser feste Termin in der Woche deshalb zu einer echten Stütze im Alltag geworden.
So wird der #gemeinsammehrbewegen-Preis vergeben
Wir finden: Laufen gegen Depressionen ist ein guter Kandidat für den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis, den der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) und laufen.de unterstützt von DATEV in diesem Jahr vergeben. Und so läuft die Aktion:
- Initiativen bewerben sich
- unsere Jury* wählt acht Initiativen aus
- ausgewählte Initiativen werden auf laufen.de und den angeschlossenen Social Media-Kanälen groß vorgestellt (Reportage, Bilder, Videos)
- im November startet die Wahl
- die laufen.de-Community stimmt ab, welche der zehn Initiativen den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis erhalten soll
- die Initiative mit den meisten Stimmen wird zur großen Laufgala nach Leverkusen eingeladen und erhält dort am 27. November den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis 2026
- die Gala veranstaltet laufen.de gemeinsam mit German Road Races, der Vereinigung der großen Laufveranstaltungen im deutschsprachigen Raum
- bei der Veranstaltung werden auch die deutschen Profiläuferinnen und -läufer des Jahres geehrt
*) Unsere Jury besteht aus folgenden Redaktionsmitgliedern von laufen.de, den beim DLV fürs Hobbylaufen Zuständigen und einem DATEV-Vertreter:
- Dr. Kristin Behrens (DLV-Vorständin Verbandsentwicklung)
- Christian Ermert (Chefredakteur laufen.de)
- Norbert Hensen (Geschäftsführer laufen.de)
- Petra Pillipp (Head of Brand Communication DATEV)
#gemeinsammehrbewegen: Die ganze Story von Laufen gegen Depression
Hinter dem Lauftreff steht das Frankfurter Bündnis gegen Depression e.V., eines von bundesweit rund 90 solcher Bündnissen. Gegründet wurde es vor etwa zehn Jahren auf Initiative der Direktoren psychiatrischer Kliniken in Frankfurt. „Wir waren zuerst ein Bündnis von Institutionen. Mittlerweile haben wir aber auch viele Privatpersonen als Mitglieder, sodass Bürgerinnen und Bürger wirklich mitgestalten können“, erklärt Vereinskoordinatorin Annika Schwind.
Das Bündnis arbeitet auf vier Ebenen. Es kooperiert mit Hausärztinnen, dem Gesundheitsamt und sozialpsychiatrischen Diensten, betreibt Aufklärung über klassische Öffentlichkeitsarbeit und Social Media und schult Multiplikatoren, etwa bei der Polizei oder im Jobcenter. Am wichtigsten ist dem Verein aber die vierte Ebene. „Das Herzstück sind die Angebote für Betroffene und ausdrücklich auch für Angehörige, denn für die gibt es aktuell am wenigsten“, sagt Annika Schwind. Neben einer Wandergruppe, einem Hundespaziergang und einer Malgruppe gehört dazu vor allem auch die Laufgruppe.
Mit Corona-Verspätung an den Start
Die erste Anfrage an Lauftrainerin Iris Hadbawnik kam mitten in der Corona-Zeit. Wegen der Pandemie musste der Start noch warten, im August 2021 lief die Gruppe dann zum ersten Mal und hatte gleich viele Teilnehmende. Iris Hadbawnik ging mit Respekt an die neue Aufgabe heran. „Ich hatte nicht viel Erfahrung mit Menschen, die an Depressionen erkrankt sind“, erinnert sie sich. „Mein Vorurteil war, dass ich besonders aufpassen muss, was ich sage, nicht so viel lachen darf und keine Sprüche machen sollte.“
Schon nach kurzer Zeit wusste sie es besser. Die Teilnehmenden sprachen von Anfang an offen über ihre Erkrankung, und in der Gruppe wird viel gelacht. „Rein äußerlich würdest du gar nicht merken, dass das eine Laufgruppe für Menschen mit Depressionen ist“, sagt die Trainerin. Mitlaufen können Studierende, Manager und Menschen, die wegen ihrer Erkrankung gerade nicht arbeiten, eigentlich ist es völlig egal was man sonst so macht. Die Jüngsten sind Anfang 20, der älteste Teilnehmer ist Mitte 60. Und anders als in vielen anderen Laufgruppen und Angeboten des Vereins kommen derzeit sogar mehr Männer als Frauen.
Niemand muss sich rechtfertigen
Rund 45 Menschen sind inzwischen in der WhatsApp-Gruppe des Lauftreffs, einen harten Kern bilden 15 bis 20 Läuferinnen und Läufer. Wer kommt, entscheidet jede Woche aufs Neue selbst. Eine Anmeldung über die Website hilft bei der Planung, Pflicht ist sie nicht. „Wir verstehen gut, wenn jemand nicht kann, weil die Erkrankung an dem Tag doch zu schwer ist“, sagt Annika Schwind.
Auch wer wochenlang fehlt, muss sich danach nicht erklären. „Es wird nicht gefragt, warum bist du so lange nicht da gewesen, und ich dränge auch niemanden“, sagt Iris Hadbawnik. Gerade diese Freiheit macht das Angebot für viele erst möglich. Und es entstehen Freundschaften, die manchen einen zusätzlichen Grund geben, sich doch aufzuraffen. „Private Kontakte schlafen oft ein, wenn man sich nicht melden konnte. In der Gruppe kann man sie wieder aufnehmen und wieder mehr am Leben teilhaben“, nennt Annika Schwind als einen der großen Vorteile des Lauftreffs für betroffene Personen.
Nicht hinterherlaufen müssen
Dabei wählt die Lauftrainerin einen ganz anderen Ansatz als die meisten anderen Laufgruppen. „Viele teilen ihre Gruppen nach Tempo ein. Für Einsteiger kann das schnell entmutigend sein. Wenn das Niveau nicht passt, ist das Laufen in der Gruppe eher deprimierend, weil man immer am hinteren Ende dabei ist“, sagt Iris Hadbawnik. In ihrer Gruppe achtet sie deshalb darauf, dass alle mitkommen. Gehpausen sind selbstverständlich, und genervt ist davon niemand. „Jeder weiß, dass man an Depressionen erkrankt ist oder irgendwie damit zu tun hat. Es wird einfach hingenommen, und das ist das Schöne daran.“
Annika Schwind, die nach eigener Aussage und mit zwinkerndem Auge „regelmäßig, also einmal im Jahr“ mitläuft, staunt immer wieder darüber: „Manche, die regelmäßig dabei sind, sind natürlich fitter geworden. Aber dass wirklich alle mitgenommen werden, habe ich selten so gut funktionieren sehen.“
Ein Baustein dafür ist das Techniktraining. Iris Hadbawnik baut regelmäßig spielerische, aber laufspezifische Übungen in das Training ein. „Je leichter sich etwas anfühlt, desto mehr magst du es und desto öfter machst du es“, erklärt sie. „Die Leute merken: Ich habe selbst die Hebel in der Hand, um es mir beim Laufen leichter zu machen.“ Daneben wirkt das, was Laufen ohnehin mit sich bringt. Man ist an der frischen Luft, schläft besser, wird fitter und gewinnt Selbstvertrauen.
Bewusst keine Therapie
So viel die Gruppe auch auffängt, eine Therapie ist sie nicht und will sie auch nicht sein. Natürlich wird unterwegs über Probleme gesprochen, und an ganz schlechten Tagen wird auch mal geweint und jemand in den Arm genommen. Beraten wird in der Laufgruppe aber nicht. „Es geht darum, ein sensibles Umfeld außerhalb von Therapien zu schaffen, das eine Alltagsstruktur unterstützt“, sagt Annika Schwind. „Selbst wenn man einen Therapieplatz gefunden hat, ist das vielleicht eine Stunde in der Woche. Und eine Woche kann mit Depressionen extrem lang sein.“
Wer weitergehende Hilfe sucht, bekommt vom Verein Informationen darüber, wohin er sich wenden kann. Seit diesem Jahr gibt es außerdem einen „Stammtisch“, bei dem man sich bei Tee und Kuchen ausführlicher austauschen kann. Besonders wertvoll ist für viele, Menschen auf Augenhöhe zu treffen, die verstehen, was man selbst gerade durchmacht, und zu merken, dass man nicht allein ist.
Faschingslauf, Nikolausmütze und Musikbox
Wenn die Gruppe im Februar verkleidet durch Frankfurt läuft oder es im Dezember mit Nikolausmützen zum Weihnachtsmarkt geht, dreht sich garantiert niemand wegen der hohen Pace der Gruppe um. Solche Mottoläufe gehören bei Laufen gegen Depression fest dazu. Mal führt die Strecke zu einem besonderen Kunstwerk, mal gibt es einen Musiklauf, bei dem sich die Teilnehmenden Songs wünschen dürfen und Iris Hadbawnik die Musikbox mitnimmt. Ab und zu fährt die Gruppe auch gemeinsam zu einem Wettkampf und läuft dort ganz ohne zeitliches Ziel mit.
Dahinter steckt eine Überzeugung, die die Trainerin gerne auch in anderen Vereinen verbreitet sähe. Viele Lauftreffs teilen ihre Gruppen nach Tempo ein, in Fünferschnitt oder Sechserschnitt. „Es gibt ganz wenig für Leute, die sich einfach ein bisschen bewegen und Leute treffen wollen“, sagt Iris Hadbawnik. Laufen solle ein echter Ausgleich sein, bei dem man abschalten kann. „Leistung bringen musst du ja schon im Beruf. Warum soll es im Sport immer genauso sein?“
Für Annika Schwind gehört noch etwas anderes dazu, damit ein solches Angebot funktioniert: Es muss bekannt sein. „Solche Initiativen bringen wenig, wenn keiner davon weiß“, sagt sie. Das Bündnis ist deshalb in der Stadt eng mit Institutionen und Initiativen vernetzt, über die es seine Zielgruppe erreicht. Damit das Angebot auch in Zukunft kostenlos bleibt, sucht sie fortlaufend nach Förderern. Ein bis zwei Jahre lang unterstützte das Gesundheitsamt die Gruppen, aktuell engagiert sich eine Stiftung.
Der erste Schritt ist der schwerste
Wer mit Depressionen lebt, für den kann schon der Gedanke an ein neues Gruppenangebot eine große Hürde sein. Iris Hadbawnik kennt das. „Viele melden sich über die Website an und kommen dann erst einmal wochenlang nicht“, erzählt sie mit einem Lächeln. „Wenn sie dann irgendwann den ersten Schritt machen, sagen sie: Wie schön, dass ich jetzt hier bin. Warum habe ich eigentlich so lange gewartet?“ Zwingen könne man niemanden. „Aber wenn du merkst, dass die Gruppe offen ist und du mit offenen Armen empfangen wirst, ist der nächste Schritt ganz einfach.“
Der Laufcommunity wünschen beide mehr Leichtigkeit. „Ich höre oft von Leuten, die beim Laufschuhkauf nach ihrem Schnitt gefragt werden. Sagen sie Siebenerschnitt, heißt es von vielen Seiten: Das ist doch kein Laufen“, erzählt Iris Hadbawnik. Annika Schwind kann dem nur beipflichten: „Selbst wenig Bewegung, selbst der kleinste Anfang kann wahnsinnig viel mit der Psyche machen und das Gefühl erzeugen: Ich schaffe etwas.“
Wie viel das sein kann, hat Iris Hadbawnik an einem ganz normalen Dienstagabend erlebt. Nach dem Training kam einer der Teilnehmer zu ihr und sagte: „Ich war seit Jahrzehnten nicht mehr so ausgelassen wie heute Abend.“ Für die Trainerin ist das bis heute das schönste Kompliment für ihre Gruppe.